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Frisch gefönt auf der Bühne: Annette Postel und Gunzi Heil. Am Piano Joe Völker. Foto: Roller
Frisch gefönt auf der Bühne: Annette Postel und Gunzi Heil. Am Piano Joe Völker. Foto: Roller
Boris Rosenberger (links) als Verführer José und Apostolos Naumis als Halbbruder. Foto: Hegel
Boris Rosenberger (links) als Verführer José und Apostolos Naumis als Halbbruder. Foto: Hegel
01.07.2019

Remchinger Theatersommer: Beste Unterhaltung zum Sonnenuntergang

Remchingen. Petrus meinte es gut mit dem Remchinger Theatersommer – fast zu gut. Denn bei noch merklich wärmender Abendsonne konnten die Besucher auf dem neu gestalteten Vorplatz der Kulturhalle am Freitag das Kabarettprogramm „Blond – frisch getönt“ von Annette Postel und Gunzi Heil erleben und ihre Lachmuseln trainieren. Am Samstag gastierte das Karlsruher Kammertheater mit der Erfolgsproduktion „Spanisch für AnfängerInnen“, ehe gestern das – wegen der mittäglichen Hitze ins klimatisierte Foyer der Kulturhalle verlegte – Stück „Ein Fall für Freunde –Neues aus Mullewapp“ vor allem junge Zuschauer angesprochen hat.

Darf es etwas mehr sein? Vielleicht ein bisschen Kabarett? Ein bisschen Theater? Und ganz viel Musik? Gar kein Problem. Annette Postel, Gunzi Heil und Joe Völker können alles. Wenn es sein muss, sogar synchron Blockflöte spielen und ihren eigenen Gesang live in Gebärdensprache übersetzen. Kein Scherz.

Während am Freitagabend die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwindet, stehen die drei Künstler beim Theatersommer auf der Open-Air-Bühne vor der Remchinger Kulturhalle und machen das, was sie am besten können: singen, schauspielern und Geschichten erzählen, die schon beim ersten Hören so abstrus und hanebüchen klingen, dass sie einfach wahr sein müssen.

Drafis „Materialkundelied“

Beispiel Steinzeit. Wenn es nach Gunzi Heil geht, ist die noch lange nicht vorbei. Man denke nur an Frank-Walter Steinmeier, Albert Einstein und Artur Rubinstein. Das können doch unmöglich Zufälle sein. Auch in der Musik: überall nur Steine. Etwa Drafi Deutscher, der einst ein „Materialkundelied“ geträllert hat. Oder die Rolling Stones, die zwar schon ein bisschen älter sind, aber wie heißt es so schön? „Rollende Steine setzen kein Moos an.“ Nicht das einzige Thema, mit dem sich Heil bestens auskennt. Auch Märchen hat er drauf. Sogar so gut, dass er es schafft, sie binnen hundert Sekunden zu erzählen.

Und Postel? Sie singt: mal im eleganten schwarzen Abendkleid, mal im orangefarbenen Siebzigerjahre-Dress, mal über Neandertaler, mal über das Theater. Nicht nur französische Chansons kann sie, sondern auch ungarische Polka und Wiener Operette. Die beiden sind sich für nichts zu schade. Sie binden sich weiße Schürzen und Duschvorhänge um, verkleiden sich als Annette Kidman und Gunzi Williams, ziehen Schlager durch den Kakao, setzen sich Sonnenbrillen und schwarze Hüte auf, fuchteln mit Plastikschwertern wild in der Gegend herum und versuchen, ein mit Wein gefülltes Glas zu zersingen.

Tosender Applaus

Niemand und nichts ist vor ihnen sicher. Kein schwäbelnder Fahrlehrer, keine zitternde Bundeskanzlerin, keine lange Einkaufsnacht und kein Marcel Reich Ranicki, dem Heil eine Puppe gewidmet hat. Eine Puppe, die vergnügt in der „Pforzheimer Zeitung“ blättert. Und prompt feststellt: Zu viel Werbung. „Manchmal denkt man, die drucken die Zeitung nur, damit die Werbung nicht nass wird.“ Aber das Remchinger Amtsblatt kommt auch nicht besser weg: Dort finden Veranstaltungen schon mal im „Lampenloch“ statt, und das Wort „liest“ wird mit ganz vielen kleinen „i“ geschrieben. „Aber was wundert das in einer Ortschaft, in der man Literatur mit ,d‘ schreibt?“ Fragen über Fragen. Nicht auf alle gibt es Antworten. Aber das stört das Publikum nicht, als es nach mehr als zwei Stunden begeistert tosenden Applaus spendet und gleich drei Zugaben verlangt.