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Dichtes Gedränge herrscht vor der Hauptbühne – wenn es nicht gerade mal wieder Unwetter gibt.  Fotos: dpa/Heimken 
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Üben schon mal den Metal-Gruß: Marianne Hansen, Helga Schreckling, Irmgard Mestermann und Gustav Jacobs (von links). 
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Schreit’s raus: Joacim Cans, Sänger schwedischen Band Hammerfall. 
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Ein Klassiker: Festival-Besucher beim Crowdsurfen über das Publikum. Die mehrtägige Veranstaltung gilt als größtes Heavy-Metal-Festival der Welt. 
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Wieder am Start: Alec Völkel (links) und Sascha Vollmer von The BossHoss. 

Rockende Rentner: Wie ein Altenheim das Wacken-Festival besucht

Wacken. Ilse Schaefer ruft „Wackeeen“ und die zwölf Insassen des Busses machen den Metal-Gruß mit ausgestrecktem Zeigefinger und kleinem Finger – die sogenannte Pommesgabel. Grundsätzlich nichts Ungewöhnliches auf dem Wacken-Festival in Schleswig-Holstein – wäre Frau Schaefer nicht 92 Jahre alt und säße im Bus eines Seniorenheims.

Das „Haus am Park“ in Heide macht zum sechsten Mal mit einigen Bewohnern einen Ausflug zu dem Heavy-Metal-Festival, das in diesem Jahr zum 30. Mal stattfindet. 13 Senioren sind dabei, drei von ihnen sind Wiederholungstäter und waren schon in den vergangenen Jahren mit von der Partie. Die älteste Rentner-Rockerin im Bus ist 95.

Angefangen hat alles mit Rüdiger Pahl, erklärt die Hauswirtschaftsleiterin des Hauses, Susann Kroos. Der heute 59-Jährige ist an Multipler Sklerose erkrankt, hört gerne AC/DC und wollte immer mal nach Wacken. Den Wunsch erfüllte Kroos nur zu gerne und machte ihm mit dem Ausflug vor sechs Jahren eine Geburtstagsüberraschung. Seitdem hat der Rentner vier Wacken-Shirts im Schrank und die anderen mit seiner Begeisterung angesteckt.

Ilse Schaefer ist im dritten Jahr dabei. Bei ihrem ersten Besuch sei sie wegen der Musik zunächst skeptisch gewesen. Doch kurz nachdem sie in Wacken ankam, habe sie die Pommesgabel jedem gezeigt, der entgegenkam. Als ein junger Metal-Anhänger nicht sofort zurückgrüßen wollte, habe sie gerufen: „Jetzt sei doch nicht so stur!“. Da habe er schnell und eingeschüchtert zurückgegrüßt, erzählt die frühere Reisebüroleiterin und der ganze Bus kichert.

Es gehe auch darum, Vorurteile abzubauen, sagt Betreuerin Kroos. So können die Bewohner sehen, dass die Metalheads eigentlich ganz friedlich sind. Gleichzeitig ist es für die Rentner einer der Höhepunkte des Jahres. „In den zwei Bussen sind zusammengerechnet 800 Jahre versammelt und sie werden noch das ganze Jahr begeistert über den Ausflug reden.“

Die Vorfreude lässt sich förmlich greifen. Einmal sei ihnen sogar Bier in das Auto gereicht worden, erzählen die Senioren. Auch wenn das dieses Mal wohl nicht passiert – das Heim hat Kroos zufolge keine Durchfahrtsgenehmigung bekommen – freuen sich alle auf den Ausflug. Vielen der Rentner ist das Wacken-Festival ein Begriff, sie kommen aus der Gegend, haben Kinder und Enkel, die dort arbeiten oder feiern. Da sei es auch nicht so wichtig, ob man auf Heavy Metal steht. Er könne mit der Musik nur wenig anfangen, sagt Gustav Jacobs, 89-jährig und zum ersten Mal in Wacken. Aber das macht nichts: „Es muss in der Welt für jeden etwas geben.“

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75.000 Besucher erwartet das Wacken-Festival

Insgesamt werden in Wacken wieder 75 000 zahlende Fans in der kleinen schleswig-holsteinischen Gemeinde erwartet. Die Tickets für das dreitägige Spektakel waren schon lange ausverkauft. Bei der 30. Auflage des Festivals stehen rund 200 Bands auf der Bühne. Trotz des Jubiläums fehlen in diesem Jahr die ganz großen Namen der Szene. Die meisten Metalheads dürften sich auf die Auftritte von Slayer, Anthrax, Uriah Heep und Bullet for my Valentine freuen. Mit dem Auftritt von The BossHoss hielt auch Countrymusik Einzug – mit The BossHoss, die am Donnerstagabend aufgetreten sind. Bereits zum fünften Mal war die Gruppe bei dem Heavy-Metal-Festival, wie die Sänger sagten. Dabei präsentierten sie neben Cover-Versionen von Songs wie „Jolene“ von Dolly Parton auch Nummern aus ihrem aktuellen Album „Black is Beautiful“ und ihren Hit „Don’t Gimme That“. Auch das fast obligatorische Crowdsurfing fehlte nicht.

Mit dem Wetter haben die Veranstalter Pech: Gestern musste das Gelände zum zweiten Mal seit Beginn wegen Unwetters teilweise geräumt werden. Das Bühnenprogramm pausierte für knapp zwei Stunden. Die Besucher wurden aufgefordert, in ihren Autos Schutz zu suchen und zu warten, bis das Gewitter vorbeigezogen ist.

Dem 30. Geburtstag tragen die Veranstalter Rechnung. Es gibt in diesem Jahr eine „History Stage“. Für diese neue Bühne wurden Bauteile der alten Hauptbühne aus den Anfangstagen recycelt. Und der Yoga-Trend ist angekommen. Allerdings röhrt auf dem Festival statt Klangschalenmusik Black Sabbath aus den Boxen.

Neu ist auch die „Wacken Future Factory“, eine Ideenwerkstatt, wo Fans, Musiker, Sponsoren und Experten diskutieren sollen, wie das Open Air zukünftig aussehen könnte. Dabei sollen gesellschaftlich relevante Themen wie beispielsweise Nachhaltigkeit, Inklusion oder Digitalisierung aufgegriffen werden. Auch die Polizei wartet mit Neuerungen auf. Zur Unterstützung der Kräfte soll erstmals eine Drohne zum Einsatz kommen.