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Ehrengäste und Macher: Intendant Jochen Schönleber, Bürgermeister Klaus Mack, Innenminister Thomas Strobl, die Bundestags- und Landtagsmitglieder Saskia Esken und Hans-Ulrich Rülke sowie der Calwer Landrat Helmut Riegger (von links). 

Rossini-Auftakt nach Plan B: Statt auf Baumwipfelpfad wird in der Bad Wildbader Trinkhalle musiziert

Bad Wildbad. Es hätte so schön sein können: Ein lauer Sommerabend, der Blick schweift über die Tannenspitzen in den Schwarzwald, unten im Turm des Baumwipfelpfads spielt ein Orchester heitere Klassik.

Aber um nicht wieder das berühmte Zitat von Ex-SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zu bemühen: Es hat nicht sollen sein. Denn Petrus scheint offensichtlich kein Rossini-Fan zu sein. Er schickte dicke Regenwolken über Bad Wildbad. Und sorgte dafür, dass die erwartungsfrohen Premierengäste am Donnerstag statt auf dem Baumwipfelpfad in der düsteren, leicht stickigen Trinkhalle Platz nehmen mussten.

Seit drei Jahren, so Intendant Jochen Schönleber zuvor beim Empfang der Ehrengäste, habe „Rossini in Wildbad“ den Baumwipfelpfad als neuen Konzertort im Programm. Just in dem Jahr, in dem auch die 800 Millionen teure Elbphilharmonie in Hamburg eröffnet habe. „Aber wir haben die bessere Akustik, und es hat nichts gekostet: Das ist schwäbisch“, verkündete der gebürtige Stuttgarter amüsiert. Er steht schon seit Jahren vor der Aufgabe, vieles aus dem Hut zu zaubern, „denn wir können bei Rossini keine Visionen entwickeln, die Geld kosten“, sagt Schönleber, der am Donnerstag gleich zwei Generalproben für die anstehenden Opern-Aufführungen (siehe Programmkasten) zu absolvieren hatte. Auch bei der inzwischen 31. Auflage des Festivals, das im vergangenen Jahr großes Jubiläum feierte, gibt es wieder ein üppig bestücktes Angebot von Opern, über Konzerte bis hin zum Fußballspiel.

Und so zeigte sich Baden-Württembergs Innenminister und Schirmherr Thomas Strobl voll des Lobs: „Sie sind eine Ehre und Freude für das ganze Land“, betonte der 59-Jährige, der Wildbad auch hartnäckig zum 30-jährigen Bestehen seines Festivals gratulierte. Wie sehr die Kurstadt sich in diesen Tagen verändere, ist auch für Bürgermeister Klaus Mack eine Freude: „Hier klingt Musik aus allen Zimmern.“ Auch Der Calwer Landrat Helmut Riegger ist stolz aufs Festival und – was vielleicht noch wichtiger ist – kündigte an, „Rossini in Wildbad“ auch weiterhin finanziell zu unterstützen. Und dann war es nur noch ein kurzer Fußmarsch vom gesprochenen zum gesungenen Wort: Vom weitläufigen König-Karls-Bad-Forum in die Enge der Trinkhalle, wo Dirigent José Miguel Pérez-Sierra reichlich Mühe hatte, einen Platz vor seinem Orchester zu finden.

Erstmals war das mit überwiegend jungen Musikern besetzte Passionart Orchestra aus Krakau zu Gast in Bad Wildbad – und machte nach einer leichten Anfangsnervosität seine Sache wirklich gut. Beschwingt und heiter, manchmal auch mit einem kecken Seitenblick kamen die drei Rossini-Ouvertüren daher – mit feinem Streicherklang, präzisem Blech und nuancierten Holzbläsern. Pérez-Sierra dirigierte umsichtig, mit klarer Zeichengebung und einem gehörigen Schuss spanischen Temperaments.

Den hätte man sich auch dringlich von Tenor Julian Henao Gonzales gewünscht: Der schien sich in seine Noten zu verkriechen, hielt sich krampfhaft am Notenständer fest und hatte vor allem in der Höhe größere Intonationsprobleme. Emotionslos sang er von großen Gefühlen, ob als Tobia in Haydns Oratorium, als Anbeter der „süßen Aurette“ in Rossinis 1810 entstandener Kavatine oder in Rossinis Alternativarie für Ferdinando Orlandis Oper „Il podestà di Chioggia“. Stimmgewaltig, wenn auch nicht besonders interpretationsfreudig zeigte sich der polnische Górecki Chamber Choir.

Sandra Pfäfflin

Sandra Pfäfflin