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Viele Beifall für Dirigent Gianluigi Gelmetti (Mitte) und die Solisten.
Viele Beifall für Dirigent Gianluigi Gelmetti (Mitte) und die Solisten. © copyright: Andreas Kühn
19.07.2017

Rossinis Pasticcio „Eduardo e Cristina“ beim Belcanto-Festival in Wildbad

Bad Wildbad. Rossinis Oper „Eduardo e Cristina“, mit der das Belcanto-Festival „Rossini in Wildbad“ seinen Premierenreigen nun beschloss, ist ein schönes Beispiel für gelungenes Recycling. Nur sieben Nummern der Partitur sind wegen des großen Zeitdrucks bei der Komposition tatsächlich für die Uraufführung in Venedig 1817 neu geschrieben worden, alle anderen stammen neu textiert und mehr oder weniger original aus früheren Werken des Meisters, die dem venezianischen Publikum freilich noch nicht bekannt waren.

Den Erfolg des Stückes hat dieses Verfahren der cleveren Zweitverwertung keineswegs verhindert. Eigenplagiate waren damals völlig unverdächtig; erst im weiteren 19. Jahrhundert setzte sich das Prinzip des „Originalgenies“ durch. Und so stand denn dieses unterhaltsame Potpourri der „Best of“-Ohrwürmer 20 Jahre lang im Repertoire vieler europäischer Opernhäuser, bis „Eduardo e Cristina“ schließlich in Vergessenheit geriet und erst 1997 bei „Rossini in Wildbad“ ausgegraben wurde. Die konzertante Aufführung knüpft jetzt an diese Entdeckung an.

Die Handlung spielt bei diesem melodienseligen Stückwerk eine geringe Rolle, dient sie doch allenfalls als Gerüst, in das Rossini seine musikalischen Kostbarkeiten einhängen konnte. In der Oper geht es um den schwedischen König Carlo, dessen Tochter Cristina heimlich mit dem General Eduardo verheiratet ist und mit ihm ein Kind hat. Als Carlos nun Cristina mit dem schottischen Prinz Giacomo in einer politischen Ehe verheiraten will, fliegt das Geheimnis auf. Der betrogene Vater fühlt sich verraten und will das Paar samt Kind mit dem Tode bestrafen. Als aber der aus dem Kerker entkommene Eduardo das Land durch eine Heldentat rettet, lässt der versöhnte König Gnade walten, und alle Beteiligten rühmen zum Happy End den plötzlich so milden Herrscher in einem Rundgesang.

Im Spannungsfeld zwischen Throngeschäften und Familiendrama schreitet Rossinis Musik den weiten Bogen von Rachelust und Raserei, lyrischer Idylle und dramatischem Getümmel, zartem Liebesweh und heroischem Pathos mit einer Fülle herrlicher Bravourarien, schmelzender Duette und mitreißender Ensembles ab. Kenneth Tarver, dessen warm timbrierter Tenor dem König Carlos Noblesse und Autorität verlieh, erwies sich als sängerisches Juwel des Abends. Silvia Dalle Benetta war mit ihrem beweglichen, in allen Lagen sicheren Sopran eine überzeugende Cristina, während Laura Polverelli für den wackeren Eduardo mit flackerndem Mezzo, ungenauen Koloraturen und wolkiger Höhe ein wenig unscheinbar klang. Baurzhan Anderzhanov als robuster Giacomo und Xian Xu als Vertrauter Atlei ergänzten verlässlich das Ensemble.

Unangefochtener Star der Aufführung aber war zweifellos der international erfahrene Dirigent und Rossini-Spezialist Gianluigi Gelmetti (71), der erste Träger des neuen Wildbader Ehrenpreises „Rossini in Cima“ (wir berichteten). Bei seinem Wildbad-Debüt machte er die Aufführung zu einem hinreißenden Hörgenuss. Mit extrem geringem Aufwand an Gesten übernahm er vom ersten Augenblick an die Kontrolle über die Virtuosi Brunensis, die sich mit besonderer Hingabe dem musikalischen Diktat des Altmeisters unterordneten und ein Niveau erreichten, das die Abende zuvor nicht immer hatten. Auch der Camerata Bach Chor Poznán ließ sich von Gelmetti zu schöner Leistung zügeln.