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Köstliche Typen und herrliche musikalische Einfälle birgt der Einakter „L’occasione fa il ladro“ in Bad Wildbad. Foto: Pfeiffer
Köstliche Typen und herrliche musikalische Einfälle birgt der Einakter „L’occasione fa il ladro“ in Bad Wildbad. Foto: Pfeiffer
10.07.2017

Rossinis vergnügliche Farsa „L’occasione fa il ladro“ in Bad Wildbad

Bad Wildbad. Beim Belcanto-Festival „Rossini in Wildbad“ geriet zum Auftakt der Saison die Aufführung des köstlichen Einakters „L’occasione fa il ladro“ (Gelegenheit macht Diebe) auf der winzigen Bühne des schön restaurierten Königlichen Kurtheaters zu einem Genuss für Aug‘ und Ohr.

Rossini schrieb diese musikalische Burleske 1812 für das venezianische „Teatro San Moisè“, das ihm den Auftrag für die Komposition erteilt hatte. Dabei folgte er der herrschenden Vorliebe für klein besetzte Kurzopern, mit denen die Opernhäuser gerade in dieser Zeit auf aktuelle Sparzwänge reagierten. Es entstanden mehrere vergnügliche Öperchen, zu denen auch „L’occasione“ zählt und die bei aller pragmatischen Einschränkung an Aufwand und Personal allemal hohe musikalische Ansprüche stellen.

Eine gute Füllung

Diese neue zeitgemäße Gattung hieß „Farsa“ – nicht etwa weil sie inhaltlich mit der notorisch turbulenten Bühnenfarce verwandt war, sondern weil der Begriff funktional mit dem küchentechnischen Ausdruck „Farce“ (Füllung) zu tun hat: Mit den kurzen, heiteren „Farse“ nämlich wurden kurze Theaterabende aufgefüllt, oder sie wurden miteinander zu voller Länge kombiniert – zwei Stücke an einem Abend. Aus der Not wurde eine Tugend.

So auch in „L’occasione“. Das hübsche, wirkungsvolle Stück um allerlei abstruse Verwicklungen und Verwechslungen in der Liebe ist mit 90 Minuten Spieldauer ein Schatz an köstlichen Typen, herrlichen musikalischen Einfällen, komödiantischem Esprit, schmeichelnden Melodien und famosen Ensembles, von denen insbesondere das zentrale Quintett und das hinreißende Finale nachhaltiges Hörvergnügen liefern. Grund genug für die Wildbader Festspiele, wo das Werk bereits 2005 gegeben wurde, in dieser Spielzeit abermals auf „L’occasione“ zurückzugreifen – freilich diesmal im schmucken, intimen Kurtheater und in einer neuen Inszenierung durch den Intendanten Jochen Schönleber, aber wiederum unter der inspirierenden musikalischen Leitung von Maestro Antonio Fogliani.

Geschickt nutzt die Regie die arg begrenzten szenischen Möglichkeiten der engen Bühne, eröffnet durch Schiebetüren reizvolle Perspektiven und hält sich diesmal auch bei der Personenregie des sechskehligen Ensembles, die durch den Choreografen Matteo Marziano Graziano gefällig unterstützt wird, meist wohltuend zurück. Leider mochte Schönleber sich aber den durchaus entbehrlichen Gag nicht versagen, aus dem dankbaren Buffopart des Betrügers Don Parmenione, den Lorenzo Regazzo mit einer aufdringlichen Überdosis an Rampenkomik als grelle Camouflage unüberhörbarer sängerischer Defizite zu einem pompösen Stenz veralbert, eine törichte Karikatur auf Donald Trump zu machen – ein Effekt ohne Wirkung.

Virtuoser Ziergesang

Im übrigen Ensemble gefällt vor allem die Sopranistin Vera Talerko als kapriziöse, ein wenig durchtriebene Berencice, deren große Bravour-Arie zu einem Höhepunkt virtuosen Ziergesangs gerät. Neben ihr und auf gleich hohem Niveau ist der Tenor Kenneth Tarver ein nobler, kultiviert singender, nicht immer ganz höhensicherer Conte Alberto, der durch schönes Timbre sowie durch stilistische und technische Souveränität besticht. Patrick Kabongo Mubenga steuert mit vorzüglichem Gesang ein entzückendes Porträt des gütigen Onkels Don Eusebio bei. Giada Frasconi als umtriebig-schnippische Zofe Ernestina und Roberto Maietta als beherzter Diener Martino runden die lebhafte Galerie prächtiger Porträts gewinnend ab.

Die glänzend aufgelegten „Virtuosi Brunenses“ im winzigen Orchestergraben lassen sich von Maestro Fogliani zu gut gelauntem, immer neu beflügeltem Spiel animieren. Großer, verdienter Beifall.