nach oben
Bissig und hochmusikalisch: Pigor (rechts) und Benedikt Eichhorn auf der Bühne des Kulturhauses Osterfeld. Foto: Seibel
Bissig und hochmusikalisch: Pigor (rechts) und Benedikt Eichhorn auf der Bühne des Kulturhauses Osterfeld. Foto: Seibel
16.04.2018

Salon-Hip-Hop mit Pigor und Eichhorn im Kulturhaus Osterfeld

Pforzheim. Die schlechte Nachricht vorneweg: kein Wodka aufs Haus wie sonst immer. Also nüchtern durchs Programm. Wird nicht ganz einfach, ist ja eine Werbeveranstaltung. Aber: Reklame muss sein! Und schließlich: Mitmachzwang für alle. Ängstliche Blicke in der ersten Reihe. Die Axt liegt auf dem Flügel. Klare Sache, davon wird Gebrauch gemacht. Doch erstmal: Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten. Auf der Bühne, im Osterfeld, und ja, unangenehme Wahrheiten werden angesprochen.

„Volumen 9“ heißt das neue Programm des mehrfach ausgezeichneten Duos, das den Salon-Hip-Hop erfunden hat und satirisch-kabarettistisch Politik, Gesellschaft und Alltagsidiotie aufs Schafott führt.

Im Mekka der Hipster, Berlin-Mitte, werden Bärte gezählt, natürlich im veganen Lokal. Tattoo und Männer-Dutt bringen extra Punkte. Sowieso Berlin, immer wieder Berlin. Heimatstadt der beiden. Dort, wo die „Pflichtsaubermänner aus dem Westen“ auch das letzte Andenken an den Osten geschleift haben, also, stampfend und brüllend: „Baut den Palast der Republik wieder auf!“

Zwischen Rap und Chanson, Moritat und Revuetheater singt und berserkert Pigor über die Bühne, verfolgt vom feinsinnigen Gegenspieler Benedikt Eichhorn am Flügel. Zusammen lassen sie keine Provokation am Wegesrand liegen und steigen genüsslich in jeden aufgestellten Fettnapf. Die Religionen, das große Übel dieser Welt. „Jesus, Mohammed, Schabbat, Djihad.“ Vielleicht besser verbieten? Nein, nicht verbieten: „Drüber lustig machen.“ Verboten gehören dagegen: „Laubbläser“. Gefühlt zwei davon gibt’s ja pro Person in Deutschland. Davon ist Pigor überzeugt. Ohnehin und sowieso: „Das Blasphemische an diesem Song ist – der Swing. Trallalala!“. Da geht noch was, da kommt noch was. Genau: der Burka-Boogie-Woogie. „Unter meiner Burka strecke ich den anderen die Zunge raus!“ Jawohl, und zwar nackt. Weil: „Unter meiner Burka bin ich Kapitän!“ Der Dampfer ist in voller Fahrt, die Rache der Fundamentalisten gewiss, aber: „Auch das Kabarett gehört zu Deutschland!“

Politisch geht’s weiter. Die Wurzel aller Kriege auf der Welt: „Die Überbetonung der nationalen Zugehörigkeit.“ Im Großen nur, nicht im Kleinen. Pforzheim zum Beispiel. „Wann hat Pforzheim zuletzt Krieg gegen Calw geführt?“ Aber sonst? Die Wahrheit war gestern. Willkommen in der postfaktischen Welt! Willkommen in der Welt der Fantasie von Pippi Langstrumpf und Donald Trump, widdewidde-wie-sie-mir-gefällt! Im Fernsehen nur noch Müll. Immer runter mit der Latte! „Prime-Time-Promies: Geht’s scheißen!“

Zeit für Versöhnliches, zurück in die 1960er, Hippies, Drogen, Frieden und der Flügel klimpert leise dazu. Obwohl, war ja auch politisch. Diese Gammler jedenfalls. Die das Nichtstun kultivierten, durch Langsamkeit provozierten. Für Pigor eine Philosophie, deren müder Abklatsch der moderne Wellnessurlaub ist. In der Schlussrunde noch eine Breitseite gegen „maulende Rentner“ auf Kreuzfahrtschiffen und nervtötende, ihre Hilfe aufdrängende Gäste. Finger weg! „Die Küche ist kein Mitmachtheater!“ Dann wäre auch das geklärt.