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Sorgt immer wieder für Diskussionsstoff: das Stück „Terror“ über einen angeklagten Kampfjetpiloten. Fotos: Molnar
Sorgt immer wieder für Diskussionsstoff: das Stück „Terror“ über einen angeklagten Kampfjetpiloten. Fotos: Molnar
Mit eindeutiger Mehrheit haben sich die Besucher des Theaterstücks in Remchingen entschieden.
Mit eindeutiger Mehrheit haben sich die Besucher des Theaterstücks in Remchingen entschieden.
21.10.2016

Schauspiel „Terror“ in Remchingen: Zuschauer entscheiden mit

Vieldiskutiertes Gerichtsdrama „Terror“ als Schauspiel aufgeführt. 500 Zuschauer gehen durch zwei verschiedene Türen.

Kein Weg führt daran vorbei. Einen der beiden Türdurchgänge müssen die 500 Zuschauer wählen, um nach der Pause zurück in den Saal der Kulturhalle Remchingen zu gelangen. Der eine ist mit „Schuldig“ überschrieben, der andere mit „Unschuldig“. Zwei Männer des „Gerichtspersonals“ zählen mit. Ob der Prozessausgang des kürzlich ausgestrahlten Fernsehfilms die Entscheidung beeinflusst? „Vergessen Sie alles, was Sie gehört oder gelesen haben“, hatte Schauspieler Johannes Brandrup als Vorsitzender der Gerichtsverhandlung noch einleitend erklärt.

Als Schöffen sollen die Zuschauer über das Schicksal des angeklagten Kampfjetpiloten Lars Koch entscheiden, der – alles ist fiktiv – am 26. Mai 2013 ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug mit 164 Insassen eigenmächtig abgeschossen und sich damit des 164-fachen Mordes schuldig gemacht hat. Ziel der Maschine war ein voll besetztes Fußballstadion. „Ich habe es nicht fertig gebracht, 70 000 Menschen sterben zu lassen“, erklärt der Angeklagte seine verfassungswidrige Tat, mit der er sich gegen den Befehl seines Vorgesetzten gestellt hat: „Die Personen im Flugzeug hätten ohnehin nicht überlebt.“

Auch wenn die Handlung des derzeit vieldiskutierten und an zahlreichen Bühnen aufgeführten Gerichtsdramas „Terror“ von Ferdinand von Schirach nicht real ist, so wirft sie doch angesichts des aktuellen Themas brisante Fragen auf. Darf Leben gegen Leben, gleich in welcher Zahl, aufgewogen werden? Dürfen Unschuldige getötet werden, um andere Unschuldige zu retten?

Der Text allein reicht aus, um zum Nachdenken anzuregen. Dieser rückt bei der durchaus spannenden Inszenierung des Eurostudios Landgraf (Regie: Thomas Goritzki) mit betonter Sprache in den Vordergrund. Mit Mimik und Gestik wird hier nicht gespart, an mancher Stelle wäre etwas mehr Neutralität statt Emotionalität gut gewesen. Das anfänglich Saloppe, fast ein wenig Genervte des Richters (Johannes Brandrup) wirkt nicht sehr seriös. Auch die augenverdrehende Staatsanwältin (Annett Kruschke) kommt eher drängend-forsch daher als taktisch klug. Eher zurückhaltend bleibt der gewissenhafte Angeklagte (Christian Meyer), der nur im Zeugenstand zu kurzen Ausbrüchen neigt. Christoph Schlemmer gibt einen schlagfertigen Verteidiger, Tina Rottensteiner eine aufgewühlte Nebenklägerin. Für welches Urteil die Zuschauer in Remchingen plädieren? 375 wählen den Freispruch, 125 würden den Major verurteilen – und diese Mehrheit entscheidet den Ausgang des Stücks.