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Johanna Liebeneiner spielt die Rolle der Emmi im Fassbinder-Stück. Foto: Meyer
Johanna Liebeneiner spielt die Rolle der Emmi im Fassbinder-Stück. Foto: Meyer
13.09.2017

Schauspielerin Johanna Liebeneiner als Gast am Theater Pforzheim

Pforzheim. Sie sei recht naiv, weil sie den Menschen immer vertraue, sagt sie und schüttelt die roten Haare, während in den grünen Augen Belustigung aufblitzt: Mit ihrem Glauben an die Ehrlichkeit des Anderen hat sie sich so manchen menschlichen Knockout eingehandelt. Dabei ist Johanna Liebeneiner alles andere als unkritisch und schon gar nicht unreflektiert – Lebensfreude pur strahlt sie aus.

Das nimmt sofort gefangen. In der Kantine des Theaters Pforzheim, wo man sich zu einem Gespräch getroffen hat, zieht eine temperamentvolle, wache und intensiv beobachtende Frau Gesprächspartner in ihren Bann, voller Energie und Neugier auf das, was das Leben hergibt. Im Augenblick ist das ein Gast-Engagement am Waisenhausplatz – hier probt Johanna Liebeneiner für die Rolle der Emmi in Fassbinders „Angst essen Seele auf“ – Premiere im Podium ist am 24. September.

Für Kinder und Tiere engagiert

Johanna Liebeneiner stammt aus einer Theaterfamilie, sie ist durch und durch ein Theatermensch. Das kommt nicht von ungefähr. Der Name Liebeneiner hatte und hat in der Theater- und Filmwelt Gewicht, der Weg auf die Bühne schien vorgezeichnet. Doch die Tochter mehrheitlich auf Mutter Hilde Krahl und Vater Wolfgang Liebeneiner zu verweisen, hieße, den falschen Pfad einzuschlagen, zu stark ist die Spur des eigenen Weges, der über die renommiertesten Theater Deutschlands führt. „Die Hälfte meines Berufslebens“, sagt die lebhafte 72-Jährige, die gerne viele Jahre jünger eingeschätzt wird, „habe ich an festen Häuern verbracht“. Heute atmet sie durch, engagiert sich für Kinder und Tiere. „Ich trage auch mal einen Regenwurm über die Straße“, sagt sie nicht ohne Selbstironie. Seit einigen Jahren arbeitet sie am liebsten frei, mag aber den Zusammenhalt in einem festen Ensemble. So hat sie zugegriffen, als Intendant Thomas Münstermann und Chefdramaturg Peter Oppermann, den sie von Trier kennt, ihr die Rolle der Emmi anboten. „Ein tolles Ensemble“, freut sie sich, und auch die Stadt und die Umgebung haben es ihr angetan. Vor ein paar Tagen war sie im Schwarzwald, hat in Calw das Hermann-Hesse-Museum besucht. Der Schwarzwald – ein Anlass zum Staunen angesichts überwältigender Natur: „Da ist man ja fast am Ende der Welt“.

Rainer Werner Fassbinders Drehbuch zu seinem Film von 1974 bietet die Vorlage für die Aufführung am Pforzheimer Theater: Die Witwe Emmi Kurowski hat die 60 überschritten und bringt sich mit Putzen durch, als sie sich in einen 30 Jahre jüngeren Marokkaner verliebt und ihn trotz aller Anfeindungen, denen sich die beiden ausgesetzt sehen, heiratet. Nach der Hochzeitsreise wächst die Akzeptanz, der Druck von außen lässt nach, aber die Nähe zwischen Emmi und Ali schwindet, die Probleme werden deutlich.

„Erst habe ich gedacht, das ist ein alter Hut“, beschreibt Johanna Liebeneiner die eigene Annäherung an den Stoff, der seine Spannung aus der Verflechtung einer Liebesgeschichte mit der Problematik der Verschiedenartigkeit von Kulturen bezieht. „Dann habe ich aber gemerkt, dass Fassbinder Sätze schreibt, die heute noch gültig sind. Es ist eine andere Zeit, aber der Kern der Geschichte hat Bestand.“ Dass diese Verschiedenartigkeit nicht ohne Schwierigkeiten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen ist, selbst wenn eine große Liebe harte Grenzlinien zu überspringen weiß, ist die Kernaussage des Stückes, so sieht es Johanna Liebeneiner. „Menschen sind schwierig. Da ist der Endpunkt der Evolution noch nicht erreicht“.

Die Emmi ist ihr nicht unbedingt auf den Leib geschrieben. Sie „sitzt“, wie Theaterleute es gerne leicht abwertend beschreiben, nicht auf der Rolle – bei aller herzlichen Bodenständigkeit muss sich die eher elegant wirkende Liebeneiner ein anderes Frauenbild erarbeiten: Emmi, die bei allem Mut zum Wagnis eher Angepasste, ist für die freiheitsliebende, die Unabhängigkeit schätzende Schauspielerin etwas Fremdes. Ein Novum, auf das sie sich nicht nur einlässt, sondern das sie bis in die kleinsten Verästelungen ausloten möchte: „Da bin ich ein Workaholic. Entscheidend ist für mich die Frage: Berührt es mich, oder berührt es mich nicht?“ Weniger entscheidend, aber angenehm: „Schön, mal eine Rolle zu spielen, in der man nicht darauf achten muss, wie man aussieht.“