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Künstler Manfred Schmalriede stellt im Schloss Bauschlott aus. Foto: Moritz

Schmalriede-Zeichnungen in Bauschlott: Raum und Tiefe aufs Papier gebracht

Neulingen-Bauschlott. Kleine Zeichnungen, subtil, akribisch und mit großer Sorgfalt bearbeitete schraffierte geometrische Körper. Zweidimensional, auf Papier und Karton. Und dennoch voller Raum und Tiefe. Aber auch skulpturale, wuchtige, gar drehbare Formen sind da im Bauschlotter Schloss zu sehen. Ein Bildhauer könnte sie sofort ins Dreidimensionale übersetzen. Manfred Schmalriede eröffnet seine schlicht „Zeichnung“ betitelte Ausstellung am Sonntag um 16 Uhr in der Galerie für zeitgenössische Kunst, die sich im straßenseitigen Cavaliersbau befindet, im Anschluss ans Café.

Bei einem Konzert im Pforzheimer Jazzclub „domicile“ sei die Idee zur Schau entstanden, wie Kuratorin Anina Gröger erzählt. Im Kunstverein habe sie vergangenes Jahr erstmals realisiert, dass Schmalriede – zuvor meist mit Fotografien öffentlich in Erscheinung getreten – über Jahrzehnte hinweg gezeichnet hat. „Und das in hoher Qualität. Man spürt die Arbeit, die Überlegtheit“, schwärmt sie.

Schmalriede wurde 1937 in Oldenburg geboren, studierte erst Malerei, Fotografie und Plastik an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, dann Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie an den Universitäten Hamburg, Stuttgart und Tübingen. Studierende der damaligen Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim kennen ihn von 1971 bis 2002 als Professor für Kunst- und Designtheorie, Semiotik und Ästhetik. „Er ist ein exzellenter Redner“, lobt Gröger. Daher habe sie ihn überzeugt, zur Eröffnung selbst über seine Arbeit zu sprechen. Vielleicht auch darüber, dass er häufig wegen eines „therapeutischen Effekts“ gezeichnet hat, wie er selbst sagt, in Vorstandssitzungen und Gremien. „Sonst könnte es langweilig werden auf dieser Welt.“

Frühe Zeichnungen atmen die typische Sprache der 1960er-Jahre, beeinflusst von der informellen Kunst des Tachismus. Auf weißem Grund hat Schmalriede Schriften eingekratzt, Texte visueller Poesie, den Farbverlauf des darüberliegenden Schwarz jedoch dem Zufall überlassen. Fotografien von Brandmauern dienten Schmalriede als Grundlage für Auseinandersetzungen mit zerstörten Oberflächen. Geprägt durch das Studium der Ästhetik bei Max Bense sind weitere Arbeiten entstanden, mit einem sinnlichen Zugang zur Kunst. Einige waren 2018 im Kunstverein Pforzheim zu sehen.

Schmalriede löste sich vom tachistischen System und zeichnete mit konstruktiven Elementen und flächigen, satten Graphit-Tönen, dazwischen ein millimeterbreiter weißer Strich. Später tauschte er das Schwarze gegen die Linie aus: präzise gezeichnete bildhauerische Arbeiten mit plastischer Tiefe. Sie sind mehrdeutig, erinnern mal an Pyramiden, mal an Keile. Schmalriede: „Bezug zur Alltagserfahrung ist mir wichtig. Wir legen uns die Welt über Ähnlichkeiten und Analogien zurecht.“