760_0900_97683_urn_newsml_dpa_com_20090101_190416_90_017.jpg
Gleiches Thema, drei Maler: „Die Grablegung Christi“ von Dirck van Baburen, Caravaggio und Nicolas Tournier (von links). Foto: dpa
760_0900_97684_07_Honthorst_Die_Kupplerin.jpg
Das Gemälde „Die Kupplerin“ aus dem Jahr 1625 von Gerard van Honthorst. Foto: dpa

Schmutzige Füße und dramatische Heilige: Alte Pinakothek zeigt „Utrecht, Caravaggio und Europa“

München. „Schauen Sie auf die Füße“, fordert Kurator Bernd Ebert die Journalisten bei der Pressekonferenz zur Ausstellung „Utrecht, Caravaggio und Europa“ auf: „Na het leven“ gemalt, zitiert er den niederländischen Dichter und Maler Karel van Mander, der 1604 in seinem „Schilder-Boeck“ (Malbuch) von „wunderlichen Dingen“ berichtet, die ein gewisser Caravaggio in Rom vollbrachte. Denn schmutzig sind die Zehen und zerrissen die Kleider.

Typen aus der Gosse, Menschen einer Zeit, die alles andere als friedliebend war. Und eine, in der der Hitzkopf und Gauner Michelangelo Merisi, nach dem Herkunftsort seiner Eltern Caravaggio genannt, eine Revolution in der Kunstwelt der Renaissance und des Manierismus anzettelte. Und dass sollten und wollten sich vor allem die jungen Künstler nicht entgehen lassen.

Die neuen Bildthemen, die sich nicht mehr allein auf die Bibel beschränken, der ungekannte Realismus (dreckiger Füße) und die starken Kontraste von Hell und Dunkel (das Tenebrismo) – kurzum: Bereits 1607 macht sich mit Hendrick ter Brugghen der erste Utrechter auf gen Süden. Doch Caravaggio ist nicht mehr in Rom – geflohen, nachdem er den Sohn des Kommandanten des Staatsgefängnisses mit einem Schwert getötet hatte. Doch das hindert auch Gerard van Honthorst und Dirck van Baburen nicht daran, auf den Spuren Caravaggios in Rom zu wandeln – auch auf solchen, die die teils noch nicht einmal 20 Jahre alten Jungmänner ins Gefängnis bringen konnten.

Diese drei stehen nun im Zentrum der Ausstellung in der Münchner Alten Pinakothek, die Ebert zusammen mit seiner Utrechter Kollegin Liesbeth M. Helmus zusammengetragen hat. 70 Meisterwerke sind in der großen Schau zu bestaunen. Darunter auch „Die Grablegung Christi“ von Caravaggio aus den Vatikanischen Museen, „die mit diplomatischem und geistlichem Beistand nach München kam“, schildert Ebert.

Doch wie reagierten die „Caravaggisten“ auf die Kunst ihres großen Vorbilds, das bereits 1610 im Alter von 38 Jahren starb? „Sie trieben seinen Realismus auf die Spitze“, sagt Ebert: „Verfaulte Zähne, knollenhafte Nasen, Bilder von Dirnen, Freiern und Kupplerinnen.“ Denn nicht nur die drei aus den Niederlanden, auch junge Künstler aus Italien, Spanien und Frankreich malten die Menschen ihrer Zeit: schonungslos und doch voller Emotionen und Affekte, hervorgerufen durch fantastische Licht- und Schatten-Wirkungen.

In über 20 – teils nur ein Bild umfassenden – Kapiteln ist die Ausstellung klug unterteilt: Mit den „Helden – ,David und Goliath‘, ,Judit und Holofernes‘“, beschreibt Ebert ironisch das „Kopf-ab-Kapitel“ zum Auftakt der Schau bis zu den Themenkomplexen „Wahrsagerin und Spieler“ sowie „Fröhliche Gesellschaften“. Und da wird es zum spannenden Rätsel, herauszufinden, von wem bei gleichen Bildsujets welches Gemälde stammt: ob vom „Meister der Nacht“ Honthorst, dem sanfteren Hendrickter Brugghen, der gerne dunkle Figuren vor hellem Hintergrund malte, oder von Dirck van Baburen, der seine Gestalten so nah an den Betrachter rückt, dass man den Alkohlatem des „Singenden jungen Mannes“ von 1622 zu riechen scheint.

Und wie funktioniert der schnelle Kulturtransfer in Europa? Wie gestalteten nur wenige Jahre nach Caravaggio der Florentiner Orazio Genileschi, der flandrische Maler Nicolas Régnier, der Spanier Jusepe de Ribera, der Franzose Nicolas Tournier diese Themen? Da hilft nur eines: genau hinschauen – auch auf die Füße.