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Studnitzky mit seinen Freunden aus der Berliner Jazz-Szene: Uri Gincel am Flügel, Paul Kleber (Bass) und Tobias Backhaus (Schlagzeug). Foto: Müller
Studnitzky mit seinen Freunden aus der Berliner Jazz-Szene: Uri Gincel am Flügel, Paul Kleber (Bass) und Tobias Backhaus (Schlagzeug). Foto: Müller
20.12.2017

Sebastian Studnitzky spielt Jazz-Standards im ausverkauften domicile

Pforzheim. Zurück zu den Wurzeln. Viele hatten sich wahnsinnig darauf gefreut, dass der aus Neuenbürg stammende Musiker, Produzent und Festivalleiter Sebastian Studnitzky mal wieder das spielt, womit er in seiner Heimat bekannt wurde: Jazz – und zwar ausschließlich an der Trompete und nicht am Piano. Weil er in anderen Bands und seinen, gerne von elektronischer Musik inspirierten Projekten viel beschäftigt ist, haben solche Auftritte Seltenheitswert. Zur Freude von domicile-Chef Axel Klauschke. Der hatte 140 Anmeldungen, schon mit 120 ist sein Club restlos ausverkauft.

Es ist also kuschelig eng an diesem Montagabend. Mit seinen Berliner Freunden spielt Studnitzky Standards von Künstlern, die er teils schon selbst im domicile erlebt hat. Etwa Benny Golsons „Whisper Not“ mit seinem minimalistischen Zweitonmotiv und ausgefeilten Verzierungen. Oder ein Stück des Schlagzeugers Tony Williams – von der Hi-Hat und den Piano-Linien getragen. Nach einem Bossa Nova folgt die durch Frank Sinatra und Chet Baker bekannt gewordene Gänsehaut-Ballade „I Fall In Love Too Easily“. Spielt Studnitzky hier noch seine Stärken aus, indem er die sanften Töne der lyrischen Passagen knapp an der Hörbarkeitsgrenze herauspresst mit in der Weite des eigenen Echos verwehendem, verhalten geblasenen, warmen Ton, so entlockt er seiner Trompete in Herbie Hancocks Blues-Gospel „Watermelon Man“ beim Hardbop-Solo hohe, kreischende Töne.

Minutenlange Improvisationen

Nach der Pause gibt es einen Blues, Herbie Hancocks „Butterfly“, „Spiral Dance“ von Keith Jarrett, ein gut gelauntes, nach irischer Folklore klingendes Stück des Pianisten Uri Gincel sowie als Zugaben eine Prise Funk von Roy Hargrove und den Miles-Davis-Klassiker „All Blues“. Die Band nutzt die Standards, um minutenlang frei auf den Motiven zu improvisieren. Paul Kleber spielt den Bass präzise und melodisch. Tobias Backhaus gibt am Schlagzeug den Takt vor, mit klarem Rhythmus und tollen Solo-Effekten.

In die Musik eingetaucht

Heimlicher Held des Abends ist der Pianist Uri Gincel, der aus Israel stammt und seit einigen Jahren in Berlin lebt. Mit Studnitzky gehört er zu den begehrtesten Jazzmusikern der Stadt. Seine Spieltechnik ist stark, die Melodielinien der Stücke orchestriert er unter teils hohem Tempo. Die Hände lässt Gincel flink über die Tasten tanzen. Mit hoch konzentriertem Gesicht und vor- und zurückwippenden Beinen taucht er weit in die Standards ein.

Man merkt es den Musikern an, wie sehr sie Lust auf eine ehrliche, rau dahin gejammte Session haben. Da muss nicht immer alles in letzter Perfektion sitzen. Das hat Seele, das Publikum spürt das und ist hingerissen. Genau darum geht es doch auch beim Jazz.