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Jazz-Trompeter Sebastian Studnitzky (links) und das Südwestdeutsche Kammerorchester unter Leitung von Sebastian Tewinkel (vorne) vereinen  im Kulturhaus Osterfeld  unterschiedliche musikalische Stilrichtungen.  seibel
Jazz-Trompeter Sebastian Studnitzky (links) und das Südwestdeutsche Kammerorchester unter Leitung von Sebastian Tewinkel (vorne) vereinen im Kulturhaus Osterfeld unterschiedliche musikalische Stilrichtungen. seibel
Sebastian Studnitzky in Aktion.
Sebastian Studnitzky in Aktion.
28.09.2015

Sebastian Studnitzky und das Kammerorchester harmonieren exzellent

Das Wörtchen „oder“ wird sinnlos an diesem Abend. Piano oder Trompete? Beides. Klassik oder Jazz? Auch hier die Mischung. Rasante Steigerungsformen oder schwebende Miniaturen, die die Zeit vergessen machen? Das eine und das andere – und noch ganz viel Raum dazwischen.

Denn das Konzert der Jazz-Größe Sebastian Studnitzky mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester (SWDKO) zeigt, was dort liegt, wo scheinbare musikalische Gegensätze aufeinanderprallen: Eine fruchtbare Ebene des Dazwischen; Sie liegt dort, wo das „Oder“ zum „Und“ wird. Denn bei dem Crossover-Konzert im ausverkauften Kulturhaus Osterfeld wollen die musikalisch ungleichen Partner vieles – nur entscheiden wollen sie sich nicht, nicht einengen lassen auf Stilgrenzen.

Normalerweise gibt es da keine größeren Schnittmengen zwischen ihrem musikalischen Alltag. Der aus Neuenbürg stammende Jazz-Trompeter und Pianist – seit diesem Jahr Echo-gekrönt – und das SWDKO jagen in verschiedenen musikalischen Biotopen. Dort die aufgeheizte Jazz-Szene der Hauptstadt, in der sich Studnitzky mühelos etabliert hat, hier das Kammerorchester aus Pforzheim, das in ganz Deutschland mit seinem transparenten Klang gastiert. Aber das SWDKO kann auch Crossover. Und Studnitzky eben auch mit sattem Orchester im Rücken. Die Ergebnisse dieser musikalischen Zusammenarbeit haben die Künstler auf CD pressen lassen, und stellen sie unter dem Titel „Memento“ im Osterfeld vor.

An diesem Abend entwickeln sich die verschiedensten Gruppen, Konstellationen und Farben. Studnitzy wechselt vom Piano zur Trompete. Er haucht sanfte Töne, verhuschte Skalen aus dem Instrument, erzielt Effekte durch das Mikro im Schallbecher. Am Klavier hängt sein Kopf tief, er schreibt Wellenbewegungen in die Luft – und scheint fast auf die Klaviatur zu fallen. Das SWDKO unter Sebastian Tewinkel hält dagegen. Hat Freude an den präzisen Tutti-Schlägen, den großen Steigerungen und dem kompakten Streicherklang. Denn dafür hat Arrangeur Studnitzky eine Vorliebe; für einen Orchesterklang der Mitte. Oft bleiben die Geigen im tiefen Register. Ihr G-Saiten-Melos und ein voller Bratschen-Sound markieren die Klangstruktur, an deren Rändern solistische Impulse wirken können. Am hohen Rand legt Studnitzky flirrende Piano-Girlanden aus, und unten pulsiert sein langjähriger musikalischer Partner Paul Kleber am Bass. Oft ziehen sich die beiden ins Duo zurück und improvisieren.

Aber auch das SWDKO darf mal alleine: Sándor Veress‘ transsylvanische Tänze sind mehr expressive Stimmungsminiaturen als heitere Folklore-Schlager. Nur Nummer vier – Dobbantos – wartet mit allem auf, was man an Balkan-Gestus erwartet. Schwere Bordune, statische Klangräume und jahrmarktartige Fußtritte. Das letzte gemeinsame Stück vor der Pause – Structures Ouverture und Structures I – scheint diese Energie förmlich aufgesogen zu haben und treibt die zuhörende Menge begeistert in die Pause.

Danach geht es besinnlich weiter. Mit Arvo Pärts „Fratres“ tritt Konzertmeister Friedemann Breuninger nach vorn. Zusammen mit dem Orchester formuliert er eine Meditation über eine feste Akkordfolge. Halsbrecherische Arepggien, raue Pizzikati und flötende Hochtöne scheint Breuninger aus seinem Körper zu schleudern. Er geht in die Knie, präsentiert sich mit schweißnasser Stirn. Das Publikum ist ergriffen, wagt für lange Augenblicke kein Klatschen. Danach ist es umso lauter – und von Bravos durchsetzt. Die zweite Konzerthälfte nimmt die introvertierte Stimmung ihres klassischen Beginns auf. Mit halsbrecherischen Steigerungssalven aus dem Orchester und zwei Zugaben geht das Konzert hochumjubelt zu Ende. Und aus dem „Oder“ ist endgültig ein „Und“ geworden.