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Liebhaber und Galan Sergej Gößner (Stanislaw Sobinsky, von links) umgarnt die untreue Schauspieler-Ehefrau Katja Thiele (Maria Tura). Das geht ihrem Gatten entschieden gegen den Strich.
Liebhaber und Galan Sergej Gößner (Stanislaw Sobinsky, von links) umgarnt die untreue Schauspieler-Ehefrau Katja Thiele (Maria Tura). Das geht ihrem Gatten entschieden gegen den Strich.
Die Komödianten sind los im Stadttheater: Markus Löchner (Josef Tura, von links), Fredi Noël (Grünberg), Konstanze Fischer (Eva Zagatewska), Jens Peter (Rowicz), Katja Thiele (Maria Tura) und Robert Besta (Dowasz).  haymann
Die Komödianten sind los im Stadttheater: Markus Löchner (Josef Tura, von links), Fredi Noël (Grünberg), Konstanze Fischer (Eva Zagatewska), Jens Peter (Rowicz), Katja Thiele (Maria Tura) und Robert Besta (Dowasz). haymann
Schauspieler und bizarrer Spion: Markus Löchner (Josef Tura, von links) und Tobias Bode (Professor Silewski).
Schauspieler und bizarrer Spion: Markus Löchner (Josef Tura, von links) und Tobias Bode (Professor Silewski).
28.09.2015

„Sein oder Nichtsein“ als turbulente Polit-Farce

Die Sache ist ernst, lebensgefährlich ernst. Da will ein Agent der Nazis 1939 im besetzten Warschau den antifaschistischen Widerstand auffliegen lassen. Das muss verhindert werden. Also stürzt sich eine mutige Theatertruppe um den so eitlen wie ehrgeizigen Schauspieler Josef Tura in ein turbulentes Abenteuer, um dem Spion die brisante Namensliste der polnischen Untergrundkämpfer abzujagen, bevor sie in die Hände der Gestapo gelangt.

Eigentlich ist das kein Thema für eine Komödie. Aber schon der Film „Sein oder Nichtsein“, den Ernst Lubitsch 1942 daraus machte, trieb mit dem Entsetzen des Nazi-Terrors derart virtuosen Scherz, dass das Werk zu einem Klassiker wurde – ähnlich Charlie Chaplins brillanter Kino-Satire „Der Große Diktator“, die schon 1940 die blutige Wirklichkeit des „Dritten Reiches“ entlarvte.

„Sein oder Nichtsein“ verlegt das düstere Geschehen um Leben und Tod ins Theater-Milieu. Ein genialer Schachzug, denn durch den Einsatz des notwendigerweise komischen Motivs vom „Theater im Theater“ verzerrt sich die Handlung unversehens zu einer Groteske um Witz und Aberwitz. Und wenn dann der pompöse Mime Tura nebenbei als gehörntes Würstchen vorgeführt wird, bei dem der politische Eifer immer wieder mit banaler Eifersucht kollidiert, ist es mit dem tödlichen Ernst der Geschichte rasch vorbei. Die Kunst des Stückes besteht nun darin, diese Spannung vor dem Absturz in die Klamotte zu bewahren. In Lubitschs Film ist das grandios gelungen.

Nicht ganz so stilsicher ist die Bearbeitung dieser Vorlage durch den englischen Dramatiker Nick Whitby, die 2008 am Broadway herauskam und nun im Pforzheimer Stadttheater von Caroline Stolz als heftig überdrehte Farce inszeniert wurde. Dabei darf das Ensemble seinem komödiantischen Affen reichlich Zucker geben – häufig allzu reichlich und mit Nebeneffekt. Namentlich im hochtourigen Finale, in dem die Theaterfassung sehr weit vom Film abweicht, kippt die Einstudierung in ihrer Überdosis von Krawall und Klamauk zu konfuser Unverständlichkeit um. Dabei scheint es der Regisseurin nicht ausreichend gelungen zu sein, die entfesselte Spiellaune ihrer Darsteller zu zügeln. Problematisch wirkt im Laufe des gut zweistündigen Stücks überdies, dass die kurzen Szenen, die sich eher der filmischen Dramaturgie verdanken, regelmäßig dann, wenn sie an Tempo angezogen haben, durch umständliche Szenenwechsel per langsamer Bühnendrehung ausgebremst werden. Da wird das Bühnenbild von Lorena Diaz Stephens trotz hübscher Details zu einer stetig wiederkehrenden Belastung – anders als die pointierten Kostüme und verfremdeten Nazi-Uniformen von Jan-Hendrik Neidert.

Komik wider Willen

Bei den Protangonisten zieht namentlich Markus Löchner als lächerlicher Tragöde Tura kräftige, manchmal allzu grelle Register der Selbstironie und Komik wider Willen. Katja Thiele als seine ungetreue Gattin und kapriziöse Diva Maria bleibt neben ihm etwas behäbig, und Sergej Gößner als ihr Galan liefert ein eher unscheinbares Porträt. Thomas Peter spielt den ungemein fiesen Gestapochef Erhardt mit hohem darstellerischem Potenzial, das er freilich durch aufdringliche Übertreibung gefährdet. Von ihm ist in kommenden Auftritten gewiss viel zu erwarten. In der wundervollen Rolle des kleinen jüdischen Schauspielers Grünberg, der auf dem Höhepunkt der Dramatik einen großen Moment als tragischer Shylock beizusteuern hat, kann Fredi Noël das Format dieser Figur leider nicht füllen, während Joanne Gläsel als verhuschte Garderobiere Anna mit wenigen Auftritten nachhaltige Akzente setzt.

Der neu engagierte Robert Besta als wendiger Theaterchef Dowasz, Jens Peter und Konstanze Fischer als wackere Mitglieder des aufmüpfigen Ensembles, Tobias Bode als bizarrer Spion Silewski und Mario Radosin als dürrer, heftig outrierender Sturmführer Schulz tragen zum großen Lacherfolg des Abends nach Kräften bei. Dem Pforzheimer Schauspiel ist mit dieser tiefschwarzen Komödie bei all ihren Schwächen ein ermutigender Neuanfang gelungen.