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Adrett: Roger Cicero.
Famose Big Band zur Unterstützung: Roger Cicero nimmt sich in Hirsau der Songs von Frank Sinatra an, der im Dezember 100 Jahre alt geworden wäre. Fotos: Pfäfflin
06.08.2015

Sinatra neu interpretiert: Roger Cicero beim Klostersommer

Calw-Hirsau. Herr Cicero, machen Sie doch mal eine typische Handbewegung! Ja, genau so: Die Arme leicht vom Körper abgespreizt, Ellenbogen durchgedrückt, die Handflächen nach außen gekehrt. Hat irgendwie etwas von einem Pinguin. Aber es funktioniert: Brav applaudiert das Hirsauer Publikum, wenn Sie mit dieser Geste den Beifall einfordern. Und das tun Sie oft, an diesem langen, regnerischen Abend beim Calwer Klostersommer in Hirsau.

Bildergalerie: Roger Cicero beim Calwer Klostersommer

Das ist irgendwie ein bisschen hilflos, aber irgendwie auch auf eine gewisse Art charmant. Fast schon bubenhaft. Und dabei arbeiten Sie sich doch gerade an einem Titanen des Showbiz ab: „Ol’ Blue Eyes“ haben Sie sich vorgenommen. Nein, nicht imitierend, sondern interpretierend. Das haben schon andere versucht. Mit Erfolg. Robbie Williams beispielsweise. Und dem gelingt es – wie weiland Sinatra – die Frauenherzen in Null-Komma-Nix zum Dahinschmelzen zu bringen. Das wiederum ist Ihre Sache nicht so ganz.

Zugegeben, das mag auch an der Musik liegen. Nein, den Schmusemodus habt Ihr nicht drauf: den „Easy-Listening-Sound“ Sinatras, diese Verwurzelung im Great American Songbook – das ist nicht die Sache des Roger Cicero und Band. Da geht es intellektueller zur Sache. Mit ausgeklügelten Arrangements, mit deutlicher Betonung des Jazz, mit funkigen Einsprengseln. Doch irgendwie passt das auch, ist neu und besonders. Vielleicht genau die Art, wie man Sinatra, der am 12. Dezember 100 geworden wäre, heute darbieten muss.

„I’ve Got You Under My Skin“ ist der zweite Song des langen Abends und dann „The Best Is Yet To Come“ – zwei Versprechen, die tatsächlich eingelöst werden. Denn mit der eigenwilligen Version von Brecht/Weills „Mack The Knife“, dem witzigen Cover „Schieß’ mich doch zum Mond“, der einzige auf deutsch gesungene Titel des Abends, oder mit dem gefühlvollen „Summerwind“ schwimmt sich der 45-Jährige frei, interpretiert, scattet, improvisiert. Und genau dann hat auch die Big Band ihre großen Momente, wenn die Solisten aus dem Arrangement ausbrechen dürfen, wenn sie individuell ihr Können zeigen. Gefühlvolle Pianosoli streut Maik Schott ein, Schlagzeuger Matthais Meusel kommt als versteckter Rocker daher, und die Bläsergruppe ist perfekt. Ein Klangbrett, auf dem Cicero zu tänzeln weiß.

Fröhlicher Plauderer

Unterhaltend ist das allemal, auch wenn es die Zuhörer im Kreuzgang erst spät von den Sitzen reist. Dafür erleben sie eine nette Plauderstunde mit dem adrett in Smoking und Pork-Pie-Hut gekleideten Sänger. Der Berliner erzählt von seinen 19 Monaten als Schüler am Hohner-Konservatorium in Trossingen – „gaaanz schrecklich“ – und von seinem jüngsten Konzert in der Wiener Staatsoper – „gaanz wunderbar“. Animiert schwärmt er von den häufig unterschätzten Versen, wie bei „I’ve Got A Crush On You“ und lädt ein, beim Medley zu erraten, welchen Titel der da zum Schluss verswingt hat. Klar, die Konzertbesucher haben ihren Spaß daran, „Mrs Robinson“, „You Are The Sunshine Of My Life“ wiederzuerkennen – und natürlich „Get Lucky“ von den Daft Punks.

Ganz groß dann das Finale: „New York, New York“ in einer jazzigen, frischen, modernen Version, ganz ohne Nostalgie und Gefühlsduselei. Da steht das Publikum und erklatscht sich die obligatorische Zugabe. Die fetzt mit „Leroy Brown“ und endet – wie könnte es anders sein? – mit „My Way“. Musikalisch souverän und schnörkellos zelebriert.

Wenn da nur nicht diese typische Cicero-Bewegung wäre: Den Blick mal wieder gebannt auf den Textmonitor gerichtet. Ganz ehrlich: Den Text von „My Way“ darf man auswendig kennen.