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Mit diesem Foto der „Pforzheimer Zeitung“ versehen, sind die Notizen von Jochen Schönleber auf Facebook gelandet.  Ketterl
Mit diesem Foto der „Pforzheimer Zeitung“ versehen, sind die Notizen von Jochen Schönleber auf Facebook gelandet. Ketterl
28.04.2017

Skandal um „Rossini“-Intendanten - Teil verletzende Notizen im Netz aufgetaucht

Das Festival „Rossini in Wildbad“ wird immer bekannter. Das hat seine positiven Seiten: die zunehmend internationalen Gäste zum Beispiel, oder die Empfehlung im New Yorker Magazin Opera News.

Aber Aufmerksamkeit kann auch gefährlich sein: Denn sie ermöglicht Skandale. So einer hat sich jetzt um den „Rossini“-Intendanten Jochen Schönleber abgespielt. Dessen Aufgabe ist es, die Sänger auszuwählen für das Festival: jedes Jahr neue, möglichst junge Talente, die noch nicht in den Fokus der großen Bühnen geraten sind – eine schweißtreibende Aufgabe.

Schönleber lädt die Nachwuchssänger zum Vorsingen ein. Nicht nach Wildbad – „da würden wohl wenige kommen“, sagt er. Sondern in Metropolen wie Berlin, Wien und Shanghai. Bei solch einem Vorsingen ist es nun zu einem skandalträchtigen Vorfall gekommen. Die persönlichen Notizen des Intendanten landeten, nach eigener Aussage bloß für die Teilnehmer sichtbar, im Internet – und sind mitunter verletzend. „Dick, unbehülflich, enormer Hintern“ heißt es da zum Beispiel. Oder „Klein, sehr schlank, breites Becken, Puppi mit langem blondem Haar, sehr amerikanisch // entsetzliche Intonation.“ Wie konnte das passieren?

Aus Versehen

Schönleber verteidigt sich. Die Notizen seien bloß für ihn gedacht. Noch nicht einmal sein Assistent habe sie einsehen sollen. Dass sie doch öffentlich wurden, begründet Schönleber folgendermaßen: Es sei ein Versehen gewesen. Der Intendant habe eine sogenannte „Dropbox“ benutzt, also einen Ort, um Daten im Internet abzuspeichern. Diese Daten habe er aber aus Versehen für alle einsehbar gespeichert. „Ich habe mir vorzuwerfen, dass ich die neue Technik der ,Dropbox‘ nicht verstanden habe“, sagt Schönleber.

Die Art der Bewertung von Sängern scheint für ihn weiterhin angemessen zu sein. Er verweist auf die hohe Anstrengung, die das Zuhören und Bewerten verursache. Bloß drei Minuten habe er Zeit, sich einen beinahe endgültigen Eindruck vom Sänger zu verschaffen: Kann er singen? Ist er für die Rolle geeignet, die Schönleber im Hinterkopf für ihn hat? Für eine andere? Passt er zu seiner Gesangspartnerin? „Ich kann mich während dieser drei Minuten nicht auch noch selbst zensieren.“

Die Urteile seien eben bloß für ihn gedacht, als notwendige Gedächtnisstütze in den marathonartigen Sitzungen. Und auf der Theaterbühne spiele eben auch die Erscheinung eine Rolle, manchmal ebenso die Körpergröße, die Schönleber beim Vorsingen stets als erstes schätzt. „Für Hosenrollen sucht man natürlich schon eher einen großen und schlanken Mezzo“, sagt der Intendant.

Manche Startenöre hätten sogar Vertragsklauseln, die verhinderten, dass der Sänger mit einer allzu großen Partnerin zusammensingt. „Wenn ich nur Konzertsänger casten würde, wäre mir das wurscht.“ Und auch eines: Am wichtigsten sei immer die Stimme, die Musikalität des Sängers. „Wenn die hundertprozentig stimmt, kann man szenisch aus jedem etwas machen.“

Jeder darf vorsingen

Am Auswahlverfahren will Schönleber trotzdem etwas ändern. Das habe schon vor dem Bekanntwerden der pikanten Notizen festgestanden. Das Problem: Vorsingen dürfe bei „Rossini in Festival“ prinzipiell jeder Sänger. Eine Empfehlung brauche man nicht unbedingt, auch eine Vorauswahl finde nicht statt. Das würde sich jetzt ändern, sagt Schönleber.

Durch die hohe Anzahl an Bewerbungen – allein rund 150 für diese Saison – werde es nach dem alten Verfahren notgedrungen dazu kommen, dass der Großteil der Sänger abgelehnt werde. „Bei manchen Vorsingen haben wir eine Auswahlquote von unter zehn Prozent.“ Vielleicht habe da auch ein wenig Frust mitgespielt. Denn die Notizen verließen die Gruppe der Teilnehmer recht schnell, und wurden der Facebook-Seite „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“ zugespielt, wo sie noch heute zu lesen sind – und dort für einen Aufschrei sorgten.

Schönleber sagt, er habe sich bei den Teilnehmern für die Datenschutzpanne entschuldigt. Das habe bloß etwas gedauert, weil die Entschuldigung in dem Brief erfolgte, in dem die Teilnehmer auch das Ergebnis ihres Vorsingens mitgeteilt bekamen. Dafür habe man alle Castings abwarten müssen. Die Art der Notizen findet Schönleber aber auch jetzt noch angemessen. „Ich sehe da keinen Bedarf, das Verfahren zu ändern.“

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