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Mit eigener Physiognomie: „Schädelpyramide“ aus den Jahren 1898 bis 1900.
Mit eigener Physiognomie: „Schädelpyramide“ aus den Jahren 1898 bis 1900.
27.10.2017

So haben Sie Cézanne noch nie gesehen

Sehen Sie das? Madame Cézanne, die mit maskenhaft verhärtetem Gesicht ins Nirgendwo starrt, scheinbar festgefroren auf ihrem Stuhl. Und dann die Totenschädel, jeder mit eigenem Ausdruck, eigenem Charakter. Zum Schluss fünf Äpfel: lebhaft farbig, mit kraftvollem Strich gemalt. Welches der drei Bilder Paul Cézannes (1839–1906) ist denn nun das Stillleben? Eine Frage, die die neue Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe immer wieder stellt: Was ist bei dem berühmten französischen Maler Landschaft, was Stillleben, was Porträt?

Cézanne-Ausstellungen gibt und gab es wie Sand am Meer (siehe Text unten). „Ein hochkompetitives Umfeld“, nennt das Kunsthallen-Leiterin Pia Müller-Tamm. Und macht aus der möglichen Beliebigkeit eine Tugend: Die Große Landesausstellung mit 100 Werken internationaler Leihgeber geht einen eigenen Weg. Einen, der dem Betrachter weit mehr bietet, als nur die Begegnung mit sattsam bekannten Werken und Thesen. „Wir schauen Cézanne in den Kopf und über die Schulter“, sagt Kurator Alexander Eiling. Denn die Ausstellung lädt dazu ein, die Arbeits-, Sicht- und Denkweise Cézannes zu ergründen. Nachzuvollziehen, wie sich die Motive umkreisen, wie kleine Details in Zeichnungen Auswirkungen auf große Gemälde haben. Wie sein Werk „durchsetzt ist von Querverbindungen, quer durch seine Schaffenszeit, quer durch die Motive“, schildert Eiling. „Metamorphosen“ haben die Karlsruher die Schau übertitelt – und lassen dies immer wieder augenfällig werden: Cézanne findet viele seiner Frauen-Figuren im Louvre. Ein Künstlerleben lang kopiert er vor allem barocke Maler, speziell Rubens. Und so zeigt die Ausstellung den gar nicht so weiten Weg von der Rubens-Göttin Bellona zu Cézannes „Versuchung des Heiligen Antonius“ bis zur zentralen Figur seiner „Badenden vor einem Zelt“.

Einer der insgesamt elf Themenbereiche liegt Eiling besonders am Herzen: Der mit dem Ausstellungstitel überschriebene, runde Raum fordert mit einer Vielzahl von Werken und speziellen Ruhezonen dazu auf, seinen Gedanken nachzuhängen. Und vielleicht darüber zu sinnieren, ob das Gebirgsmassiv des „Felsens bei L‘Estaque“ nicht doch eine geballte Faust zeigt, ob das „Stillleben mit Teekanne“ einen in Farbflächen aufgelösten Orientteppich und eine wolkige Wandstruktur im Hintergrund darstellt oder einen Blick auf die Landschaft der Montagne Sainte-Victoire. Und wächst aus dem Arm des „Sitzenden Manns“ im Garten gar ein Ast? „Diese nebeneinandergesetzten Strichlagen sind wie Pixel, aus denen eigentlich alles entstehen kann“, sagt Eiling. Wie sich Cézannes „Jacke auf einem Stuhl“, die den Auftakt der Ausstellung bildet, einordnen lässt? Das sollten Sie schon selbst ergründen …