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Ein Abend voller Gänsehaut-Momente: Der blinde Tenor Andrea Bocelli singt unter der Leitung von Marcello Rota mit dem um zahlreiche Musiker erweiterten Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim. Ullemeyer
14.01.2019

So war’s bei Tenor-Legende Andrea Bocelli in der Stuttgarter Schleyerhalle

Pforzheim. Beseelt verlassen die Besucher des Konzerts mit Andrea Bocelli, wohl einem der populärsten Tenöre der Gegenwart, nach zwei Stunden die Stuttgarter Schleyerhalle. Dass die hohen Erwartungen mit ebenso hohen (dreistelligen) Kartenpreisen erfüllt werden, ist jedoch nicht allein das Verdienst des umjubelten toskanischen Stars.

Gemeinsam mit dem fulminanten Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim (SWDKO), dem stimmgewaltigen Bachchor Stuttgart, zwei Sopranistinnen, einem Ballettpaar, einem Gitarrenduo sowie qualitativ beeindruckenden Opernfilmen und farbenprächtigen Landschaftsaufnahmen im Bühnenhintergrund gelingt ein monumentales Gesamtkunstwerk.

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Selbst ohne den Italiener mit dem unverwechselbaren Timbre könnte der Abend zu einem Konzertgenuss werden, das wird klar, als der letzte Ton von „Va, pensiero“ aus Verdis Oper „Nabucco“ verklungen ist, dem musikalischen Auftakt ganz ohne Bocelli. Das SWDKO und der Bachchor sorgen schon jetzt für Gänsehaut-Momente, bevor der blinde Protagonist auf die Bühne begleitet wird. Mit zwölf ersten und zehn zweiten Geigen, acht Bratschen, jeweils sechs Celli und Kontrabässen, großem Bläserapparat und weiteren Instrumenten zeigt sich das musikalische Aushängeschild Pforzheims in großer sinfonischer Besetzung und somit quantitativ und qualitativ von seiner stärksten Seite.

Hommage an Fellini

Am Dirigentenpult steht mit Marcello Rota ein Maestro, der unter anderem die Berliner Philharmoniker und das Royal Philharmonic Orchestra London zu Glanzleistungen animierte. Unaufgeregt und souverän leitet er den gewaltigen Klangkörper. Nach der Pause darf Rota mit „Passarella“ sogar eine aus seiner Feder stammende Komposition präsentieren, die Regisseur Federico Fellini gewidmet ist, was Filmausschnitte aus dessen Werken untermalen.

Mit „La donna e mobile“ aus Verdis „Rigoletto“, weich und einfühlsam vorgetragen, erobert Bocelli sofort die Herzen seiner Zuhörer. Schon hier wird spür- und hörbar, dass Rota mit dem SWDKO die instrumentale Begleitung des einstigen Bar-Pianisten und Juristen nuancenreich, aber unaufdringlich gelingt. Die kubanische Sopranistin Maria Aleida steht mit ihrem Solo „Waltz“ Bocelli in nichts nach. Doch die stimmliche Bandbreite Bocellis und Aleidas kommt erst im Duett „Nuit d ’hyménée“ von Gounod voll zum Tragen. „O soave fanciulla“ (O liebliches Mädchen“), ebenfalls im Duett, gehört zu den Höhepunkten, ehe Bocelli, Almeida, das SWDKO und der Bachchor das Publikum mit „Brindisi“, dem Trinklied aus Verdis „La Traviata“, in die Pause schicken.

Auch Sohn Matteo dabei

Nach Opern-Arien sind im zweiten Teil klassische Liebeslieder, Ausflüge in die Welt des Musicals und modernere Weisen angesagt. Während Bocelli Beethovens „Ich liebe dich“ gefühlvoll interpretiert, ist in Schuberts „Zuneigung“ dieselbe etwas weniger zu spüren. Ilaria Della Bidia, die zweite Sopranistin des Abends, sorgt mit „Over The Rainbow“ des Amerikaners Harold Arlen für einen gesanglichen Kontrapunkt nach Bocellis unausbleiblichem und unvermeidlichem „O sole mio“. Aus seinem im Oktober vergangenen Jahres erschienenen Album „Si“ gibt der 60-Jährige drei Kostproben, einmal auch mit seinem 21-jährigen Sohn Matteo, wobei die Stimme des Filius sich nicht in die Dimensionen des Vaters aufschwingen kann.

Als eine der drei Zugaben darf „Con te partiro“ (Mit dir werde ich fortgehen) nicht fehlen, das unter dem Namen „Time To Say Goodbye“ bekannt ist und Bocelli zu Weltruhm verhalf. Noch einmal kommen Gänsehaut-Gefühle auf, als mit „Nessum dorma“ („Niemand schlafe“) aus Puccinis „Turandot“ die letzte Arie erklingt. Doch wer könnte nach diesem Wohlklang einfach so einschlafen?