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Kongeniales Miteinander: Patricia Kopatchinskaja (links) und Sol Gabetta. Fotos: Bode
Kongeniales Miteinander: Patricia Kopatchinskaja (links) und Sol Gabetta. Fotos: Bode
Kristjan Järvi
Kristjan Järvi
07.10.2015

Sol Gabetta spielt mit dem Gstaad Festival Orchester unter Kristjan Järvi

Für eine gelungene Aufführung von Tschaikowskis „Schwanensee“ darf man keine Mühen scheuen: Da braucht es aufwendige Bühnenbilder, ein perfektionistisches Corps de Ballet und hochprofessionelle Solisten, die den tänzerischen Gegensätzen ihrer Rollen gerecht werden. Nur so wird aus Tschaikowskis Meister-Ballett ein atemberaubendes Werk. Oder man lässt einfach alles weg – Bühne, Tänzer, Kostüme – und landet trotzdem bei einem überwältigenden Konzertabend.

Dies alles gelingt, wenn der estnische Dirigent Kristjan Järvi am Pult eines perfekt spielenden Orchesters steht – und er selbst zum einzigen Tänzer des Abends wird.

Energie überträgt sich

Denn bei diesem Gastspiel des Gstaad Festival Orchester im Festspielhaus Baden-Baden beeindruckt Järvi von der ersten Sekunde an mit seinem extrovertierten Dirigierstil. Wo andere sich im Furor leicht auf die Zehenspitzen stellen, springt Järvi in die Luft, knickt den Körper im Hüftschwung oder zerteilt die Luft mit Karate ähnlichen Dirigier-Schlägen. Doch das ist kein bloßer Effekt. Die Energie des Dirigenten überträgt sich direkt auf das Orchester, das aus Musikern der besten Schweizer Klangkörper zusammengesetzt ist.

Diese aufwühlende, teils ins Übertreiben gehende Energetik funktioniert naturgemäß am besten bei Werken, deren Charme in der bombastischen Orchestergeste liegt. Wie bei Rimsky-Korsakows „Capriccio Espagnol“, das als Einstiegswerk die Stoßrichtung des Abends vorgibt: laut, grell, überbordend – aber herrlich unverstaubt. Wie gut, dass die spanische Tanzwut in den weiteren Stücken einen introvertierten und konzentrierten Kontrapunkt gewinnt. Denn mit dem Konzert für Violine und Cello des britischen Gegenwartskomponisten Mark-Anthony Turnage folgt auf das spanisch-russische Zirkusstück ein Werk von fast sprödem Ausdruck. Die Bläser sind verschwunden, übrig bleibt ein um zahlreiches Schlagwerk erweitertes Streichorchester, mit dem Patricia Kopatchinskaja (Violine) und Sol Gabetta (Cello) in einen düsteren, dabei hochemotionalen Dialog treten. Hier liegt der Reiz nicht im Effekt, sondern im dezent durchdachten Spiel der beiden Ausnahmesolistinnen, die sich auch in Camille Saint-Saëns „La muse et le poète“ – als einfühlsam aufeinanderbezogene Musikerinnen präsentieren.

Nach der Pause aber ist er wieder da: der bombastische Effektmeister Järvi, der in der Schwanensee-Suite das Festspielhaus zum Beben bringt. Hier überschreitet der Dirigierstil Järvis manchmal die Grenze zur artistischen Farce, zum Klamauk-Tanz eines Pult-Clowns. Umso gewaltiger aber ergibt sich die Wirkung, wenn er seine Kontrolle wiedergefunden hat. Anstelle des leise im Harfenglanz ersterbenden Suiten-Schluss hat er sich eine im fortissimo explodierende Tremolo-Apotheose zurechtarrangiert. Der Effekt ist atemberaubend und lässt das Konzert in Bravo-Schreien zu Ende gehen.