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Die Große Sinnende bildet den Auftakt der Ausstellung. Foto: Murat/Meyer
Die Große Sinnende bildet den Auftakt der Ausstellung. Foto: Murat/Meyer
27.09.2018

Staatsgalerie Stuttgart kauft Lehmbruck-Werke und restauriert sie

Stuttgart. Immer wieder tauchen Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck in Auktionen auf. Und immer wieder stellt sich die Frage: Ein Original, an das der Bildhauer selbst Hand angelegt hat oder ein posthumer Abguss? Auch im Reuchlinhaus Pforzheim steht eines dieser Werke: der Torso der Großen Sinnenden (siehe Kasten).

Schwierig ist das manchmal nachzuvollziehen, „zumal es kein Werkverzeichnis gibt, das sich in Werke vor seinem Tod und danach aufgliedert“, sagt Kurator Mario-Andreas von Lüttichau. Und: Die Abgüsse der ursprünglichen Gipse sind nicht datiert. Der ehemalige Sammlungsleiter des Folkwang-Museums in Essen hat nun mit der von ihm zusammengestellten Schau in der Staatsgalerie Stuttgart aus der Not eine Tugend gemacht: Erstmals sind in einer Ausstellung ausschließlich Werke zu sehen, die zu Lebzeiten entstanden sind und sich im Besitz der Staatsgalerie befinden.

Das Spannende an dieser Präsentation: Beim genauen Hinsehen lässt sich erleben, wie modern Lehmbruck bereits in den 1910er-Jahren in Paris gearbeitet hat, wie er durch den Einsatz ganz unterschiedlicher Materialien und Schnittvarianten die Wirkung seiner Plastiken immer wieder überprüft und verbessert hat. So wird die Große Stehende von 1910 – mit 1,96 Metern überlebensgroß – als Frauenkopf mal in Steinguss, mal in getönter Steinmasse durchdekliniert. Lehmbrucks Kleine Sinnende wirkt fast klassisch aus Stuckgips, kraftstrotzend und fern als Bronze, makellos schön als Zementguss und als gebrannte Terrakotta-Plastik verletzlich und in sich gekehrt. Fast schon gewalttätig schneidet der Bildhauer die Büste der Knieenden aus der Gesamtfigur, Torsi mit unterschiedlich langen Armstümpfen entfalten unterschiedliche Wirkungen, lassen erahnen, wie sehr das Fragmentieren und Reduzieren des Körpers ihn künstlerisch beschäftigte.

Wie stark auch die Restaurierung eine Arbeit verändern kann, lässt sich am Beispiel der Großen Sinnenden erkennen, die die zentrale Position im Auftaktraum der Schau einnimmt: Makellos erstrahlt sie in hellem Grau. Eine Überraschung auch für Christiane Lange. Als sie 2013 als Direktorin der Staatsgalerie nach Stuttgart kam, „ging ich eigentlich davon aus, dass die hier ausgestellten Lehmbruck-Arbeiten dem Haus gehören“, schildert sie. Doch weit gefehlt: Auch die Große Sinnende und der Gestürzte, zwei Hauptwerke des Künstlers und der Plastik des 20. Jahrhunderts, waren nur Leihgaben. Doch ein Überraschungsbesuch von Lehmbrucks Urenkel macht schnell klar: Die Familie will das Erbe zu Geld machen. Es folgten „fast zwei Jahre zähes Ringen“, sagt Lange, „bis wir uns mit der Familie auf einen Preis einigen konnten.“ Doch es klappt, „auch wenn wir nicht ganz den Preisvorstellungen der Erben entsprechen konnten.“ Das Land Baden-Württemberg, die Museumsstiftung des Landes, die Kulturstiftung der Länder sowie die Ernst von Siemens Kunststiftung kaufen drei Plastiken sowie 69 Druckgrafiken und Zeichnungen für insgesamt 3,9 Millionen Euro von der Familie an.

Bedingung der Lehmbruck-Nachkommen: Mit den Werken muss gearbeitet werden. Auch deshalb nun die Ausstellung, die mit 75 Arbeiten auf Papier im Graphik-Kabinett sowie 33 Plastiken und einem Gemälde auf das Schaffen des Künstlers in seinen produktiven Pariser Jahren von 1910 bis 1914 konzentriert ist. Und die erstmals auch erklärt, wie die Große Sinnende seit über 100 Jahren als Steinguss verkannt wurde. Bereits 1916 wird sie in der Kunsthalle Mannheim unter dieser Materialbeschreibung ausgestellt. Vier Jahre später gelangt sie in den Besitz der geschäftstüchtigen Lehmbruck-Witwe Anita: Über weitere Stationen kommt sie vermutlich im Jahr 1925 nach Stuttgart, wo Anita inzwischen mit ihren Söhnen Gustav-Wilhelm und Manfred – dem Architekt des Pforzheimer Reuchlinhauses – lebt. Und dort bleibt sie auch: schlierig, mausgrau, beschädigt. Nachdem sie im Besitz der Staatsgalerie ist, kann Restaurator Peter Bux ihre Schönheit zurückholen und macht eine Entdeckung: Nicht aus Steinmasse, sondern aus Gips ist der 2,08 Meter hohe Frauenkörper. Und damit offensichtlich einer von nur zwei Gipsen, die Lehmbruck zu Lebzeiten vor ihr geschaffen hat. Mit ihrer eindrucksvollen Erscheinung macht sie auch heute noch deutlich, wie Lehmbruck seinen eigenen Weg zwischen Kollegen wie Rodin, Maillol und der internationalen Avantgarde gefunden hat. Wo sein künstlerisches Schaffen ihn hingeführt hätte? Späte Arbeiten, die die Ideen von Giacometti vorwegzunehmen scheinen lassen das erahnen. Doch am 25. März 1919 setzte er in Berlin mit nur 38 Jahren seinem Leben ein Ende. Seit Jahren von Depressionen geplagt, zerrissen zwischen unglücklicher Liebe zur 19-jährigen Elisabeth Bergner und seiner Familie, gepeinigt von den Spuren, die der Erste Weltkrieg bei ihm hinterließ.