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„Klassik trifft ... Street Art“: Unter diesem Motto veranstaltet der Oratorienchor ein Konzert zum 50. Jubiläum der Stadtkirche. Das Team der Aktion: Kantorin Heike Hastedt, Pfarrer Hans Gölz-Eisinger, Oratorienchor-Vorsitzende Jutta Girrbach, Projektkoordinatorin Regine Landauer sowie Axel Baumbusch, Martin Steiner und Lennart Schneider (von links) von der Jugendarbeit Stadtteile.
Graffiti von Josef Schäfer. Foto: privat
17.04.2018

Stadtkirche und Jugendarbeit Stadtteile wagen Jubiläumsprojekt

Pforzheim. Vor 50 Jahren wird die neue evangelische Stadtkirche feierlich eingeweiht: ein guter Grund, am kommenden Wochenende zu feiern. Doch die Gemeinde begeht dieses Jubiläum nicht mit einem rückwärtsgewandten Programm. Ganz im Gegenteil: „Klassik trifft . . . Street Art“ heißt das große Projekt.

Worum geht es?

Beim Konzert am Samstag, 21. April, 19 Uhr (Eintritt 16 bis 28 Euro), begegnen sich klassische Musik und junge Graffiti-Künstler, ein Crossover zwischen traditioneller Kultur und junger Kunst.

Bildergalerie: Jubiläum der Stadtkirche: „Klassik trifft ... Street Art“

Wie ist das Projekt überhaupt entstanden?

Bei einer gemeinsamen Autofahrt von Kantorin Heike Hastedt und Axel Baumbusch, dem Leiter der Jugendarbeit Stadtteile. Beide fanden es spannend, „zwei Welten zusammenzubringen, die sich sonst nicht begegnen“. Das erfordert Mut und einiges an Überzeugungsarbeit – auch im Ältestenkreis. Pfarrer Hans Gölz-Eisinger ist jedoch schnell überzeugt von der Idee, „zumal gerade das Thema Kirche und Gesellschaft eines unserer Schwerpunkte ist“.

Wie läuft das ab?

Während in der Kirche musiziert wird, gestalten mehr als zehn Street-Art-Künstler auf dem Rasen vor dem Gebäude ihre Werke. Die Musik wird mittels Beschallungsanlage von drinnen nach draußen übertragen und die Kunst als wechselndes Standbild nach innen. Hier ist Zuschauen und Zuhören kostenlos.

Was wird gespielt?

Kantorin Heike Hastedt hat zwei unterschiedliche Werke für dieses besondere Konzert ausgewählt. Zuerst erklingt – nach einer kurzen Einführung – die Kantate über den 84. Psalm „Wie lieblich sind deine Wohnungen“ von Burghard Schloemann (geboren 1935). Er hat viele unterschiedliche Klangausschnitte in seiner Komposition zusammengeführt – „mal lyrische, mal bombastische, mal sinnliche“, sagt Hastedt. Seit Januar wird geprobt – „und nach dem jetzigen Probenwochenende läuft es richtig rund“, schildert Jutta Girrbach, Vorsitzende des Oratorienchors. Danach folgt Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie-Kantate „Lobgesang“, die schon bei der Uraufführung 1840 für Begeisterung sorgte. Für die Aufführung, an der auch der Motettenchor und das erweiterte Bachorchester beteiligt sind, sind als Solisten Miriam Borchert (Sopran), Geneviève Tschumi (Mezzosopran), Livia Kretschmann (Alt), Andreas Weller (Tenor) und Matthias Horn (Bass) verpflichtet.

Und wer sprayt?

Sechs junge Sprayer um Lennart Schneider, der eine Ausbildung bei der Jugendarbeit Stadtteile macht. Dazu kommen Sprayer der Gruppe Gamma One, „mit denen ich schon vor 25 Jahren zusammengearbeitet habe und die für hohe künstlerische Qualität stehen“, sagt Baumbusch.

Wo findet das statt?

Auf dem Rasen vor der Stadtkirche. Dort werden in Zusammenarbeit mit den Technischen Diensten der Stadt zwölf drei mal zwei Meter große Stellwände aufgestellt, auf denen während des knapp zweistündigen Konzerts die temporäre Street Art entsteht. „Die Hälfte der Gruppe hat sich mit den Kompositionen auseinandergesetzt, die anderen wollen spontan auf die Musik reagieren“, weiß Schneider. Die Stellwände werden ab- und am Sonntag rechtzeitig vor dem Gottesdienst (10 Uhr) und dem Familienkonzert (13 Uhr) wieder aufgebaut.

Was ist so ungewöhnlich an der Aktion?

Unter anderem, dass sie in Zusammenarbeit mit Kirche und Kulturamt geschieht. Denn Pforzheim ist in Sachen Street Art ein weißes Feld – wenn man die Deutschlandkarte betrachtet. „Es gehört Mut dazu, dieses Experiment zu wagen“, betont Baumbusch. Für den Stadtrat der Grünen Liste ist es absolut unverständlich, warum diese anerkannte und jugendtypische Kunstform hier gar nicht, oder – beispielsweise in einem Kurs – nur im Verborgenen stattfinden kann. „Wobei ganz klar ist, dass wir uns von den widerlichen Schmierereien, die nichts mit Street Art zu tun haben, distanzieren.“