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In der Nachkriegszeit wurden in Pforzheimer Schmuckfabriken nicht nur Broschen oder Ringe, sondern beispielsweise auch solche Buttons fürs Auto hergestellt. Foto: Ketterl
In der Nachkriegszeit wurden in Pforzheimer Schmuckfabriken nicht nur Broschen oder Ringe, sondern beispielsweise auch solche Buttons fürs Auto hergestellt. Foto: Ketterl
18.08.2017

Stadtmuseum zeigt kuriose Produkte made in Pforzheim

Pforzheim. Die 1950er-Jahre sind das Jahrzehnt von Petticoat und Rock ’n’ Roll, der Käse-Igel stand hoch im Kurs, ebenso Nierentisch und VW-Käfer. Die „Eingeborenen von Trizonesien“ (die drei von den USA, England und Frankreich besetzten Westzonen) besuchten trotz der noch vorhandenen Zerstörungen bereits wieder die Lichtspielhäuser, nicht zuletzt auch zu „Re-Education“-Zwecken. Romy Schneider, Maria Schell und Curd Jürgens waren die Stars der Filme dieser Jahre, in denen das Auto Symbol der Freiheit war, das Cabrio als Ausweis eines zwischenzeitlich wieder erreichten Wohlstands galt.

Aber, vom Seifenkistenrennen bis zum Straßenflitzer – es gab gerade in dieser Zeit schlimme, öfter auch tödliche Unfälle, insbesondere aufgrund der „Selbstmördertüren“ und weiterer automobiler Konstruktionsfehler, zudem wegen der fehlenden Anschnallpflicht und fehlender Schutzmaßnahmen der Autobauer.

Schutzheiliger der Reisenden

Kein Wunder also, dass sich, wer mit dem eigenen Auto unterwegs war, gern ein wenig überirdischen Schutz besorgte: Christophorus-Plaketten waren hierfür durchaus en vogue, denn der Märtyrer, der vermutlich im dritten oder im beginnenden vierten Jahrhundert gelebt hat, zählt zu den „Vierzehn Nothelfern“ und ist heute vor allem als Schutzheiliger der Reisenden bekannt, der insbesondere Unfälle vermeiden sollte.

So war Christopherus nicht nur Patron der Seeleute und Luftschiffer, sondern ebenfalls der Kraftfahrer und der Reisenden im Allgemeinen. Auch dieses Segment bedienten die Pforzheimer Unternehmen beim Wiederaufbau ihrer Firmen nach 1945. Dazu zählte insbesondere der Schmuckhersteller Victor Mayer, einer der wenigen katholischen Entrepreneure in der sonst protestantischen Goldstadt.

Auf Nummer sicher konnte der Fahrer zudem mit entsprechenden Plaketten gehen, die auf der Beifahrerseite am Handschuhfach gut sichtbar angebracht werden konnten: Ein Abbild des Heiligen, gefolgt beispielsweise vom netten Hinweis „Du sollst beim Fahren in dem Wagen kein Flirtchen mit dem Fahrer wagen“. Der Hühne mit seinem riesigen Stab konnte aber auch mit „Du bist mein Fahrgast, doch sei dir klar, Du fährst im Wagen auf eigene Gefahr“ durchaus derber oder mit „Mitfahrer, halt’s Maul!“ unverblümt grob ausfallen. Der Fahrer selbst wurde mit solchen Plaketten ebenfalls vor den Unbilden des Verkehrs gewarnt und an seine Aufmerksamkeit mit Sprüchen wie „Lieber mal zu spät auf Erden, als zu früh begraben werden“ oder „Bring sie lebend heim“ appelliert.

Kohlensäure wegquirlen

Es ist aber nicht die einzige Kuriosität, die sich in der Ausstellung „Echt-Unecht?! Schmuck aus Pforzheimer Industrieproduktion“ entdecken lässt. Die Traubenschere, der Sektquirl und der kombinierte Korkenzieher/Flaschenheber erzählen von der Tischkultur aus anderen, gar nicht zu fernen Zeiten. Man rupfte die Beeren nicht von den Rispen ab, sondern verwendete dazu die Schere. Und wer nicht unfein aufstoßen wollte, bediente sich des silbernen Sektquirls, mit dessen Hilfe die Kohlensäure aus dem Sektglas schneller und elegant zum Entweichen gebracht wurde.

Die Ausstellung findet im Rahmen des Jubiläums „250 Jahre Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie“ statt.