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23.10.2015

Stalin-Terror in „Tschewengur“– Frank Castorfs Inszenierung in Stuttgart bejubelt

Stuttgart. Es ist eine Menge Holz, das Frank Castorf am Schauspiel der Schwabenmetropole Stuttgart auf die Bühne bringt. Wuchtig dreht sich der Koloss aus einer hölzernen Mühle, einer Bretterbude und einer gepanzerten sowjetischen Lokomotive mit der Aufschrift Josef Stalin vor dem Publikum. Es ist ein perfekter Spielplatz. Gut fünf Stunden lang können sich die zehn Akteure in dem Video-Theater-Spektakel austoben. Aber nicht alle Zuschauer bleiben bis weit nach Mitternacht.

.Zur deutschen Erstaufführung des Stücks „Tschewengur“ nach dem gleichnamigen Roman des in Deutschland kaum bekannten russischen Autors Andrej Platonow (1899-1951) ist das Schauspiel rappelvoll. Viele Fans des 64 Jahre alten Intendanten der Volksbühne Berlin aus ganz Deutschland sind gekommen. Für ihn endet der Abend mit heller Freude der verbliebenen Premierengäste.

Castorf nimmt sich diesmal ein rund 60 Jahre zu Sowjetzeiten verbotenes Werk vor. Diktator Stalin selbst stempelte den Autor als „Swolotsch“ ab – also als Drecksack. Er brandmarkte Platonow, der an der Utopie von einem kommunistischen Paradies zweifelte, als Verräter – ein literarisches Todesurteil. Ob denn noch jemand hören wolle, was ein „alternder Avantgardist“ der Theaterszene noch zu sagen habe, lässt Castorf selbstironisch auf der Bühne fragen. Es ist ein Abend, der vergleichsweise sparsam mit Klischees umgeht. Pelzmützen, Klunker, ein Sowjetstern und eine Monsterkakerlake – das alles gibt es freilich. Brüllen auch. Ausflippen erst recht. Große Emotionen.

Und immer wieder lässt eindringliche Prosa so starke Bilder im Kopf entstehen, dass die kolossale Bühne Mühe hat, mitzuhalten. Platonows Thema ist die Wirklichkeit nach der Machtübernahme durch die Bolschewiken, das vom Staatsterror gegen die Bürger geprägte Leben unter Stalin. In „Tschewengur“ dreht sich viel um Ausbeutung, um Anarchie und – um Ungehorsam, der meist mit dem Tod endet. Es geht um den Sowjetmenschen, der leidet, um Hungersnot, den brutalen Geheimdienst, Knüppelei und um Folter, die „die Persönlichkeit bis zu den Wurzeln entblößt“. Der Mensch stirbt schnell, aber die Maschine ist ewig.

Der fiktive Ort „Tschewengur“ liegt in der jungen Sowjetunion. Hier prallt die kommunistische Ideologie auch auf den Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche. „Tschewengur“ lässt nichts aus: die Träume von einem Leben in der Metropole Moskau, die Faszination der Technik, Platonows Streben ins Weltall.