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Er arbeitet seit gut zehn Jahren in Bregenz einen Mahler-Zyklus: Kirill Petrenko. Foto: Kembowski
Er arbeitet seit gut zehn Jahren in Bregenz einen Mahler-Zyklus: Kirill Petrenko. Foto: Kembowski
Konzentriert und akribisch: der Maestro bei der Arbeit in Berlin. Foto: Rittershaus
Konzentriert und akribisch: der Maestro bei der Arbeit in Berlin. Foto: Rittershaus
15.05.2019

Stardirigent Kirill Petrenko kehrt zurück „Nachhause“

München. Seit zehn Jahren arbeitet Stardirigent Kirill Petrenko in Vorarlberg. Doch was schätzt der Maestro eigentlich in der österreichischen Provinz?

Der kleine Mann mit dem krausen schwarzen Haar stürmt strahlend in den Saal, wo die Musiker auf ihn warten, er reißt die Arme hoch wie ein Fußballfan, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Endlich wieder daheim, könnte man aus seinen Zügen herauslesen. Dann beginnt die Probe zu Gustav Mahlers 8. Symphonie, die den Beinamen „Symphonie der Tausend“ trägt.

Konzentriert und akribisch arbeitet Kirill Petrenko, der große Dirigent und neue Chef der Berliner Philharmoniker, auch in Bregenz mit dem Symphonieorchester Vorarlberg, wo das monumentale Werk morgen und Samstag im Festspielhaus aufgeführt wird.

„Viele kennen ihn hier schon seit seinem Studium am Landeskonservatorium Feldkirch“, sagt Heiko Kleber, Paukist im Symphonieorchester Vorarlberg, „Alle sind per Du mit ihm.“ Nicht ein Wort rede er über Berlin, wo Petrenko gerade seine erste Saison als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker vorgestellt hat. „Er ist jetzt hier in Bregenz und probt mit uns Mahlers Achte.“

Wie kommt dieser Mann, den viele in der Fachwelt für den besten lebenden Dirigenten halten, in die österreichische Provinz? Warum erarbeitet der Musiker mit einem wenig bekannten Orchester seit 2008 einen kompletten Mahler-Zyklus? Ein Künstler, dem die Musikfans zu Füßen liegen, der mit seinen 47 Jahren eigentlich schon alles erreicht hat, wovon Dirigenten träumen mögen. Fehlte nur noch das Wiener Neujahrskonzert für den Grand Slam der klassischen Musik.

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich in Petrenkos Jugend vertiefen. Die jüdisch stämmige Familie Petrenko, Vater Violinist, Mutter Musikwissenschaftlerin und Dramaturgin, stammt aus dem sibirischen Omsk und übersiedelte 1990 nach Österreich, wo der Vater beim dortigen Symphonieorchester eine Stelle antrat. Damals wirbelte Gorbatschows Perestroika die Sowjetunion durcheinander, Angriffe gegen Juden nahmen zu, zugleich wurden die Ausreisebestimmungen gelockert. Das nutzten viele Juden zur Ausreise, auch die Petrenkos.

Drei Jahre lebte der junge Kirill im zweitkleinsten österreichischen Bundesland, wo er am Landeskonservatorium ein Klavierstudium mit Bravour abschloss. Ohne Deutschkenntnisse kam der junge Mann aus dem fernen Sibirien an den Bodensee. Sein Lebensziel: Dirigent. „Er war ein Überflieger“, erinnert sich Kleber. „Da sind sogar die Professoren manchmal nicht mehr mitgekommen.“ In einem Interview spricht Petrenko von einer „irrsinnig nützlichen Zeit“ in Feldkirch. Er habe viel Musik kennengelernt, die er in Russland nicht gekannt habe: alte Musik, Barockmusik, Mahler und Bruckner. Er sang in Chören mit, assistierte bei Opern im Landestheater Bregenz, korrepetierte mit Mitstudenten. „Das war seins, das war immer zu spüren“, so Kleber.

Mit dem Klavierdiplom ging Petrenko nach Wien, um dort das Dirigierhandwerk zu lernen. Dann ging es Schlag auf Schlag: Kapellmeister an der Volksoper Wien, Generalmusikdirektor (GMD) der Meininger Hofkapelle, wo er mit Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ international auf sich aufmerksam machte, GMD an der Komischen Oper Berlin, Debüts bei den Wiener und Berliner Philharmoniker, GMD in München, Bayreuther und Salzburger Festspiele. Ab September ist er Chef der Berliner Philharmoniker.

Der immer etwas schüchtern wirkende Petrenko scheint seine Wurzeln nicht zu vergessen. 2008 begann er mit dem Symphonieorchester Vorarlberg einen Zyklus „Mahler 9 x 9“ mit allen Symphonien des Meisters. „Den zieht er mit uns durch, obwohl er ja sagen könnte, das er jetzt so viele Angebote hat, dass er sich diese Ausflüge nicht mehr leisten könne“, sagt Kleber. Neben seiner Heimatverbundenheit kommt Petrenko auch die in Bregenz mögliche, intensive Probenarbeit zugute. „Bei uns bekommt er sieben bis acht Termine, anderswo nur zwei bis drei, und kann jeder Symphonie seinen Stempel aufdrücken.“

Der Weltbürger Petrenko ist eben auch ein Vorarlberger, hier begann alles, hier lebt bis heute seine Mutter, der Vater ist vor ein paar Jahren gestorben.