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Beim Melodienabend hat sich das gesamte Theater Pforzheim versammelt, um Bettina Lell, Martin Hannus und Wolf Widder (vorne, von links) für ihren Einsatz zu danken.
Attila Barta (links) begleitet den Tenor Reto Rosin bei der Arie „Komm’ Zigany“. Molnar
13.07.2015

Stehende Ovationen: Melodienabend im Theater begeistert und berührt das Publikum

Ein kleines Lied sagt mehr als tausend Worte. Und deshalb hält Wolf Widder im ausverkauften Theater Pforzheim auch keine große Rede. Er singt ganz einfach „Sag’ beim Abschied leise Servus“ von Peter Kreuder – und berührt damit die Herzen der Zuschauer. „Dieses Lied beschreibt genau, wie ich mir den Abschied vorstelle“, sagt der scheidende Operndirektor, bevor er sich am Ende des Melodienabends mit einer Konzertina auf einen Barhocker setzt. Sieben „wilde, verrückte und lebendige“ Jahre Musiktheater in Pforzheim liegen hinter ihm und seiner Stellvertreterin Bettina Lell, mit der er durch den letzten Abend führt.

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Großartige Arien und Ouvertüren aus Opern der Anfangszeit wie „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber, aber auch aus Inszenierungen der vergangenen Spielzeit wie Rusalka von Antonín Dvorák kommen noch einmal zu Gehör. 50 Stücke haben die beiden insgesamt realisiert. „Danke für die wundervollen Inszenierungen, das Vertrauen und die immerwährende Menschlichkeit“, bedankt sich die Sopranistin Franziska Tiedtke im Namen des Ensembles bei Widder und Lell, die mit roten Rosen und stehendem Applaus überschüttet werden. Auch die Dirigenten, Martin Hannus und Diethard Stephan Haupt, werden mit anerkennenden Worten verabschiedet. Unter der musikalischen Gesamtleitung von Hannus, der mit seinem Studium der Forstwirtschaft ein neues Metier betreten wird, erklingen zum Auftakt bekannte Melodien aus Bizets „Carmen“, die die Badische Philharmonie Pforzheim und der von Salome Tendies einstudierte Opern- und Extrachor zum Besten gibt. Der rotschwarze Dresscode bestimmt die Optik des ganzen Abends, so auch den Auftritt des Kinderchors, der zu den großen Erfolgen des Hauses zählt. Mit Geschrei stürmen die Nachwuchssänger die Bühne, und beglücken Bettina Lell und Reto Rosin mit Rosen, der mit der Arie „Komm’ Zigany“ glänzt. Immer lebhafter tanzt der Tenor bei der Arie dabei an der Seite von „Zigeunergeiger“ Attila Barta, reißt die Zuschauer mit und fällt vor ihnen sogar auf die Knie.

Sehnsuchtsvolle Soli

Mit Aldi-Tüten und viel Humor begeistern auch Lilian Huynen, Klaus Geber, Franziska Tiedtke und zwei Sänger aus dem Chor mit „Onkel und Tante“ aus Lells Lieblingsstück „Der Vetter aus Dingsda“. Auch Tiedtke wiederum hat ihren großen Solomoment mit dem sehnsuchtsvollen „Vilja-Lied“ aus „Die lustige Witwe“. Mit kurzen Haaren und einer lustvollen, wie für ihn geschriebenen Rossini-Arie aus „La Cenerentola“ präsentiert sich der ebenfalls scheidende Bariton Aykan Aydin. Pure Gänsehaut erzeugt die stimmgewaltige Sopranistin Tiina-Maija Koskela als „Rusalka“ mit ihrem berührenden „Lied an den Mond“. Auch mitreißende Musicalsongs aus dem ersten Open-Air „Jesus Christ Superstar“ (Benjamin Savoie) oder „Sweeney Todd“ kommen nicht zu kurz – Femke Soetenga wirbelt als „Mrs. Lovett“ herrlich viel Mehlstaub auf und serviert Widder derart „miese Pas- teten“, dass er das Gesicht verzieht. Und bevor mit Verdis „La Traviata“ auf das Theaterfest eingestimmt wird, betritt kein anderer als Musicalstar Chris Murray die Bühne. Als „Dracula“ hat er drei Spielzeiten lang das Publikum begeistert – das Musical gehört zu den Dauerbrennern schlechthin.

Manchmal ist es schon gut, einen Oberbürgermeister vor Ort zu haben: Denn als die feierwilde Menge vor dem Theater um kurz vor 1 Uhr immer noch Zugabe forderte, da genehmigte das Stadtoberhaupt höchstselbst noch einen weiteren Titel. Abschiednehmen fällt schwer, egal ob von der mitreißenden Band Cover Up oder von den vielen bekannten Gesichter des Theaters, die in der neuen Spielzeit an anderer Stelle wirken werden. Auch die Vorgänger von Operndirektor Wolf Widder und Schauspieldirektor Murat Yeginer waren gekommen, um mitzufeiern. Jari Hämäläinen und sein Schauspiel-Kollege Jan Friso Meyer erlebten mit Hunderten bestens gelaunter Gäste einen ebenso fröhlichen, wie bewegten Abend. Und der hatte einen eindeutigen Höhepunkt: Wolf Widder, der all seinen musikalischen Elan an den Bongos austobte, Verwaltungsdirektor Uwe Dürigen als Rock-Hero an der Gitarre, die mit den Musical-Stars Femke Soetenga und Chris Murray und der Band die Rolling Stones hochleben ließen: „Jumping Jack Flash“ wurde zur Hymne dieser Nacht, zum vielbejubelten Mittelpunkt einer Show, die sich wirklich sehen und hören lassen konnte. Cover Up erwies sich als Partyband schlechthin, allen voran die Sängerin Lorenza van Vlieet und Silvia Pommerening, die für mächtig Stimmung sorgten und die Theaterfans zum Mitsingen brachten. Ob mit Unterstützung von Murray bei „Foot Loose“ oder von Soetenga bei Gloria Gaynors „I Will Survive“, die Musiker Ralf Wochele, Holgi Seeger, Oliver Güttinger und Tobias Griebel samt Sängerinnen hatten auf der Bühne sichtbar ebenso viel Spaß wie das tanzende, klatschende, mitwippende Publikum. ps