nach oben
Die Stelzenläufer sorgten für große Aufmerksamkeit in der Fußgängerzone. Foto: Seibel
„Die Dicke“ zog als Stadtstreicherin umher und irritierte Passanten. Foto: Seibel
Erwachsene und Kinder ließen sich gleichermaßen von den extravaganten und farbenprächtigen Aufführungen und Darstellungen in der Pforzheimer Innenstadt in den Bann ziehen. Foto: Seibel
„Mäh“ heißt das Stück vom Figuren theater Eva Sotriffer aus Italien. Foto: Seibel
26.07.2015

Straßentheaterfestival in Pforzheim: Stelzenläufer als ästhetischer Hingucker

Vielfalt und Humor kennzeichneten das diesjährige 11. Internationale Straßentheaterfestival mit Figuren. „Gut ein Jahr Vorlauf“, so berichtet Organisator Raphael Mürle, „floss in die Auswahl der Gruppen – mit der wir auch inhaltliche Impulse zur Pforzheimer Innenstadtentwicklung geben wollten.“

Bildergalerie: 11. Internationales Straßentheaterfestival in Pforzheim

Am deutlichsten wurde dieser übergreifende Ansatz der Veranstalter bei dem vollständig auf Interaktion mit dem Publikum abzielenden Spiel der maskierten Hallenserin Julia Raab. Als „die Dicke“ schlüpfte die freie Theaterpädagogin in die Rolle einer übergewichtigen Wohnsitzlosen, die mit einem Trolley durch die Pforzheimer Fußgängerzone streifte und dabei leise und vorsichtig Kontakt zu meist völlig überraschten, manchmal auch verstörten Passanten aufbaute, beispielsweise indem sie Luftschlangen verteilte. Nur aus nächster Nähe erschloss sich der filigrane Reiz ihres gänzlich von der Zuschauerreaktion abhängigen Spiels.

Fantasievolle Kostüme

Ganz anders, nämlich weithin sichtbar und mit geradezu exhibitionistischer Eitelkeit, trat das Zebra Stelzentheater aus dem bayrischen Gauting in der Inenstadt auf. In zwei fantasievoll gestylten Kostümen mit kubistischen Mustern defilierten die beiden Stelzenläufer – gewissermaßen über den erdgebundenen Dingen agierend – zwischen Markt- und Leopoldplatz. Ein absoluter Hingucker, der cool und unübersehbar, ästhetisch und selbstverliebt das optische „Oberhaus“ des Puppentheaterfestivals besetzte.

Für „Alarm“ im „Unterhaus“ sorgte die vierköpfige Compagnie „Paspartout“ mit ihrem Straßenspektakel „Die Ratten kommen…“ Die Oberschwaben in den Ganzkörperkostümen einer abgefahrenen „Rattengang“ gefielen besonders mit musikalischen Einlagen, bei denen sie Titel wie „Icecream“ oder „Rock Around The Clock“ mit Saxofon, Klarinette und Harmonika zu Gehör brachten. Auch das an Schabernack reiche Spiel der „Ratten“ lebte von der Interaktion mit dem Publikum: Vom Versuch, einer Zuschauerin den Rucksack zu stibitzen bis zur Mausefalle, die eigens für einen kleinen Jungen mit einem Lutscher präpariert wurde. Nur der Vollständigkeit halber: Der Dreikäsehoch nahm rechtzeitig Reißaus.

Landwirt aus dem Sauerland

Minimalen Requisiteneinsatz pflegte die Schweizerin Anita Bertolami: Sie schnallte sich ein Augenpaar vor den Bauch und schuf alleine damit ein neues und überraschend ausdrucksstarkes Gesicht. Hinter der witzigen Handpuppe – „Bauer Klemens“ aus dem erzkatholischen Sauerland – steckte Bodo Schulte, der im Fernsehen seit Jahren als „Käpt‘n Blaubär“ zu sehen ist. Sein Landwirt wandelte in der Mikrowelle nicht nur Tomaten in Ketchup, sondern auch Kohl in den Altkanzler gleichen Namens. Bodo Schulte gastierte mit Figuren bereits 2002 beim Pforzheimer Straßentheaterfestival, dem er „einen exzellenten Ruf in der Szene“ bescheinigte.