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„Ein ganz besonderes Mädchen“: Porträt in der Frankfurter Anne-Frank-Bildungsstätte. Foto: Arnold
„Ein ganz besonderes Mädchen“: Porträt in der Frankfurter Anne-Frank-Bildungsstätte. Foto: Arnold
Eine Kopie von Anne Franks weltberühmtem Tagebuch liegt in einer Ausstellung im Anne-Frank-Zentrum in Berlin. Damit wurde sie zum Symbol der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg. Foto: Kohler
Eine Kopie von Anne Franks weltberühmtem Tagebuch liegt in einer Ausstellung im Anne-Frank-Zentrum in Berlin. Damit wurde sie zum Symbol der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg. Foto: Kohler
Scharnier von Freiheit und Unfreiheit: das Bücherregal zum geheimen Anbau im Museum in Amsterdam. Foto: Dejong
Scharnier von Freiheit und Unfreiheit: das Bücherregal zum geheimen Anbau im Museum in Amsterdam. Foto: Dejong
12.06.2019

Tagebuch gegen das Vergessen: Anne Frank wäre am Mittwoch 90 Jahre alt geworden

Lange Schlangen stehen vor dem Eingang des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam. Die Leute warten geduldig. „Ich bin so froh, dass wir sehen können, wo Anne ihr Tagebuch geschrieben hat“, sagt Bill Davies aus Texas. „Sie ist für mich die einzige Augenzeugin der Judenverfolgung.“ Auch die 24-jährige Heather aus Kanada hat das Tagebuch gelesen. „Anne war so eine mutige junge Frau“, sagt sie. Am Mittwoch wäre das verfolgte jüdische Mädchen 90 Jahre alt geworden.

Die Leute vor dem Museum sagen liebevoll Anne, als sei sie eine Freundin. Und so empfinden es viele auch. Anne wurde mit ihrem Tagebuch nicht nur zum Symbol für die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg, sondern sie schrieb sich auch in die Herzen von Millionen Lesern. Heute wäre Anne Frank 90 Jahre alt geworden.

Mehr als 1,2 Millionen Menschen besuchen jährlich das Haus, die meisten sind jünger als 30 Jahre. Polly Davies aus Texas hat das Tagebuch erst kurz vor der Reise nach Europa erneut gelesen und war erstaunt: „Unglaublich, was für eine hohe literarische Qualität es hat.“

Die große Wirkung des Tagebuches hängt sicher zusammen mit dem großen Talent von Anne und ihrem grausamen Schicksal. Aber da ist noch etwas: Sie war auch ein ganz normales Mädchen.

Anne wird am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren. Die Familie emigriert nach der Machtergreifung Hitlers 1933 nach Amsterdam und lebt dort knapp sieben Jahre lang relativ unbeschwert im Süden der Stadt. Anne hat viele Freundinnen. Sie sprüht vor Leben, ist witzig und ziemlich frech. So erinnern sich Schulkameraden später.

Als aber die deutsche Wehrmacht 1940 die Niederlande besetzt, ändert sich auch das Leben von Anne. Sie darf nicht mehr das öffentliche Schwimmbad besuchen, muss auf eine jüdische Schule und wie alle Juden ab 1942 einen gelben „Judenstern“ auf ihren Kleidern tragen.

Zum 13. Geburtstag bekommt Anne ein kleines rotkariertes Tagebuch geschenkt. „Ich kann dir hoffentlich alles anvertrauen“, so schreibt sie auf die erste Seite. „Ich hoffe, dass du eine große Stütze für mich sein wirst.“

Die Verfolgung der Juden wird im besetzten Amsterdam immer bedrohlicher. Als Annes Schwester Margot 1942 die Deportation droht, taucht die Familie unter. Anne ist 13 Jahre alt.

Zwischen Licht und Dunkel

Das Versteck ist im Dachgeschoss der Handelsfirma von Vater Otto Frank untergebracht. Hinter einem Bücherregal führt eine steile Stiege zu dem Versteck, in dem insgesamt acht Menschen mehr als zwei Jahre lang leben werden. Das Bücherregal ist das Scharnier von Licht und Dunkel.

Während in die unteren Räume Tageslicht fällt, sind oben die Fenster abgedichtet – niemand darf die Untergetauchten sehen oder hören. Das Knarren der Holzdielen oder die Klospülung kann sie verraten. „Aus dem Fenster schauen oder nach draußen gehen dürfen wir natürlich nicht“, schreibt Anne.

Über ihr Bett hat sie Starfotos auf die Tapete geklebt: Greta Garbo, Heinz Rühmann. An einer Wand markiert Vater Otto Frank mit Bleistiftstrichen, wie viele Zentimeter seine Töchter wachsen. Diese Details berühren die Besucher sehr. Dem Kanadier Louis Kincartz prägte sich das Bücherregal vor der geheimen Stiege ein. Seine Frau Heather lässt das Bild vom Tagebuch nicht los. Das kleine Büchlein in einer Vitrine.

Dort hinein schreibt Anne Briefe an „Liebe Kitty“, eine fiktive Freundin. Sie schildert den Alltag im Versteck, die Bedrohung, die Ängste, die Spannungen und die Hoffnungen. Und doch: Anne ist ein ganz normaler Teenager. Sie hat Stress mit ihrer Mutter, ist genervt von ihrer Schwester Margot und verliebt in Peter, den 15-jährigen Sohn der Familie van Pels, die ebenfalls im Versteck lebt. Mit ihm führt sie lange Gespräche über Gefühle und die Zukunft. Ein Aufruf der niederländischen Exilregierung, Briefe und Tagebücher aufzubewahren, bringt Anne auf eine Idee. Sie will aus ihrem Tagebuch einen Roman machen und nach dem Krieg veröffentlichen. Auch den Titel weiß sich schon: „Das Hinterhaus“. Nun überarbeitet sie ihre eigenen Texte, schreibt ganze Passagen neu. „Ich werde nicht unbedeutend bleiben“, schreibt Anne am 11. April 1944. „Ich werde in der Welt und für die Menschen arbeiten.“

Die Hoffnung erlischt am 4. August 1944. Kurz nach 10 Uhr hält ein Auto an der Prinsengracht 263. SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer und holländische Polizisten stürmen das Versteck. Es wurde verraten. Die acht Untergetauchten werden nach Auschwitz gebracht. Von dort kommen Anne und ihre Schwester ins KZ Bergen-Belsen. Dort sieht eine Schulfreundin Anne noch. Sie war „ein gebrochenes Mädchen“, erinnert sie sich. Nur Vater Otto überlebt. Als er zurückkehrt, übergeben ihm die Helfer der Untergetauchten die Tagebücher seiner Tochter, die hatten die Nazis bei der Razzia übersehen. 1947 erfüllt Otto den Wunsch seiner Tochter. Anne Franks Tagebuch erscheint.