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Harri Kuusijärvi (links) brilliert am Akkordeon, Jaakko Laitinen glänzt mit seiner kraftvollen Baritonstimme im „domicile“.  Foto: Frommer 

Tango nach finnischer Art in Brötzinger Jazz-Lounge „domicile“

Pforzheim. Tango aus Buenos Aires und Montevideo hat weltweit viele Fans. Tango in Verbindung mit dem finnischen Lappland, diese Kombination mag wohl für die allermeisten Musikfreunde zunächst einmal schräg klingen. Was nur kleine Zirkel wissen: In Helsinki gibt es viele Tango-Tanzbars, die auch unter der Woche gut besucht sind. Dass das seine berechtigte Grundlage hat, bewiesen Harri Kuusijärvi am Akkordeon und Jaakko Laitinen mit seiner kraftvollen Baritonstimme im „domicile§ in Brötzingen.

Die Nordländer haben bereits in den 1930er-Jahren damit begonnen, eigene Tangomusik mit finnischen Texten zu komponieren. Offenkundig entsprechen die in der Tangomusik eingefangene Leidenschaft und das Melancholische dem finnischen Lebensgefühl. In westfinnischen Seinäjoki wird in schöner Regelmäßigkeit ein fünftägiges Tango-Festival zelebriert, außerdem wählt Finnland jedes Jahr (s)einen Tango-König. Nora Hahn, die umtriebige Vorsitzende der Deutsch-Finnischen Gesellschaft Nordschwarzwald, präsentierte das Duo Jaakko Laitinen (Gesang) und Harri Kuusijärvi (Akkordeon) am Sonntagabend in der Brötzinger Jazz-Lounge „domicile“ mit einer kleinen Anekdote: Kuusijärvi wurde bei einer Reise in der argentinischen Provinzhauptstadt Azul bestohlen. Alles, selbst sein Akkordeon war weg. „Hierauf“, so Hahn, habe er beschlossen, „im Gegenzug den Argentiniern ihren Tango zu entwenden und etwas Eigenes daraus zu machen“. Passend dazu spielt der Ausnahme-Akkordeonist auf einem nachtschwarzen Instrument des Herstellers Pigini aus dem italienischen Castelfidardo. Im PZ-Gespräch verriet Kuusijärvi, dass es bis in die 90er-Jahre einen eigenen finnischen Akkordeonbauer gegeben habe – und dass sich russische, finnische und westeuropäische Quetschkommoden in der Anordnung ihrer Tastatur erheblich unterscheiden.

Die englischen Ansagen auf der Bühne übernahm Laitinen, er beschrieb für die nicht finnischen Gäste auch knapp den Inhalt der Titel, die er mit kraftvoller Baritonstimme vortrug. Die Songs – mehr als drei Viertel zählten zu den Eigenkompositionen des Duos, das sich den Namen „Lehtöjärven Hirvenpää“ gegeben hat – handeln von Träumen, Glück oder Lebenshunger, von Bäumen, der letzten Eiszeit. Oder auch – mit einem überraschend umwelt- und sozialkritischen Text – von der Arbeit.

Kuusijärvi zeigte sich als erstklassiger Akkordeonist; er brillierte am schwarzen Spelunkenkrokodil, ließ das herrliche Instrument wehmütig schluchzen, jammern und klagen, wie es nur wenigen möglich ist. Jedes Solo der beiden Musiker erhielt lauten Szenenapplaus. Und da manche Finnen nicht nur einen abgründigen Humor und einen Hang zu leidenschaftlicher Musik, sondern auch die Mentalität wahrer Langläufer besitzen, war auch nach den beiden Zugaben noch immer nicht Schluss. In ganz kleinem Kreis reichte Kuusijärvi zwei Soli nach: einem gefühlvoll interpretierten Titel von Astor Piazzolla und (auf speziellen Wunsch), den von Toivo Kärki 1954 komponierten Klassiker „Täysiku“ („Vollmond“). Beide: zum Wegschmachten.