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Industrie-Ambiente im alten Schlachthof: Stefan Fränkle (links) und Christof Weisenbacher betrachten Arbeiten von Silke Helmerdig und Sebastian Seibel.  Foto: Ketterl 
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Lebhafte Diskussion: Organisatorin Anina Gröger (rechts) mit Boris Bliß und Andra Lipinskaite.  Foto: Ketterl 
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Didier Beyer und Karin Kramer am begehbaren Objekt an der Brühlstraße.  Foto: Ketterl 
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Künstlerin Viola setzt spontane Ideen um, Imma Hartmann, Gerlinde Reich, Roland und Karin Schmid (von rechts) schauen über die Schulter. 
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Thomas Ochs (links) mit den Gästen Sabine Vielsack und Bernhard Schwab.  Foto: Ketterl 
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Jasmina Jovy stellt Teile ihrer neuen Kollektion für Gellner vor, mit Antonie Ramp, Walter Hendl, Susanne Hoffmann und Alexandra Wenz-Faas (von rechts).  Foto: Ketterl 

Tausende Besucher drängen sich durch offene Ateliers in Pforzheim

Pforzheim. Chapeau! 32 Ateliers mit jeweils bis zu 13 Künstlerinnen und Künstlern weist der Flyer aus. Wie hat Organisatorin Anina Gröger das geschafft? Wie schafft man es als Besucher? Eigentlich beides unmöglich. Doch man entkommt ihm nicht, dem Vergnügen, einen umfassenden Blick auf das kreativ-künstlerische Leben in der Goldstadt zu werfen. Hatte nicht kürzlich jemand behauptet, Pforzheim besitze nicht genügend Potenzial für eine Kulturhauptstadt? Wie ein Zitat aus einer fernen Zeit.

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Bildergalerie

Offene Ateliers in Pforzheim

Die offenen Ateliers – am Samstag und Sonntag sind sie Gegenbeweis und Beleg dafür, wie groß das Interesse an diesem ungewöhnlichen Angebot ist. Bei Anina Gröger drängen sich die Besucher. Immer wieder schieben sich neue Interessierte durch den engen Gang.

Gröger hat Künstler-Gäste eingeladen und alles fest im Griff. Helga Digel zeigt bewusst ältere Arbeiten mit Mischpapier und kleinere grafisch-malerische Bilder in ihrer typischen Formensprache. An der Wand gegenüber: Gloria Keller mit farbenfrohen Blicken auf menschliche Begegnungen. Und dann der Schmuck. Beispielsweise von Ulrike Vogt der Pappmaché-Halsschmuck mit Objektcharakter, leicht wie eine Feder. Kerstin Mayer gegenüber hat andere Material-Vorlieben mit eigenwilligen Kombinationen: Eisen, Carbon, Stahl – zart und leicht, filigran, gepresst und gelasert. Sieben Gäste hat sich Anina Gröger geholt, die Hausherrin hat nur eine kleine Ecke mit beschränkten Einblicken in das umfangreiche Werk für sich reserviert: Anina Gröger eben.

Um die Ecke, in der Lameystraße – wieder Treppen hoch zu einer alten Villa – zeigt einer vorzugsweise Ringe. Andreas Reißer liebt klare Formen wie bei den Ledermaterialien, aber oft auch das, was in den plastischen Modellierbereich reicht, sehr individuelle Silberketten und Halsschmuck. „Unglaublich ist diese Resonanz“, sagt der junge Goldschmied, „einfach überwältigend“.

Weiter geht’s. Dahin, wo Kreativität ein festes Zentrum hat: ins EMMA. Viele Treppen, viele Gänge. Modedesignerin Susanne Dienst-Lang zeigt Lederarmbänder, Unikate mit Perlverschlüssen. Im Dachgeschoss ist es wahrlich eng, aber bei Janusz Czech, der Thomas Olze und Susanne Lanckowsky zu sich eingeladen hat, herrscht gute Laune. „Wir haben alle einen völlig anderen Stil“, sagen sie zu ihren Bildern. „Das hier ist für uns ein Experiment, wir wollten ins Gespräch mit Leuten kommen“. Viele seien da gewesen. „Wir haben sogar was verkauft. Total cool.“ Ganz unten das junge Team Olga Struck mit Schmuckdesign – sie arbeitet mit 3D-Laserverfahren und Glas – und Katharina Schmalz, Accessoire-Design. Struck freut sich: „Eine solche Bandbreite an Kunst und Schmuck – die Zielgruppen passen zusammen“. Daneben eine, die schon bekannter ist. Jasmina Jovy stellt Teile ihrer neuen Kollektion mit Gellner vor. Minimalistisch und multifunktional – „eine neue Anmutung für die klassische Perle“, sagt sie.

Eine Feuertonne weist den Weg zum alten Schlachthof. Hier informiert die Genossenschaft Gewerbekultur über ihre Schlachthof-Pläne, Fotograf Sebastian Seibel zeigt seine großformatigen Porträts, „die fotografiere ich am liebsten“. Uwe Hück ist dabei, ein anderer ist im Chor des Stadttheaters. Winfried Reinhardt zeigt analoge Aufnahmen von Hinterhöfen und große farbige Bilder: Dämmerungsansichten, Wasser, Nebel, Wolken

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Und wieder Treppen, gekachelte Wände. Aus Calw ist Ilona Trimbacher gekommen mit ihren „Stricheleien“, die Schwarzwald-Klischees auf die Schippe nehmen. Ein bisschen schwarzer Humor gefällig? „Schwarzwald Schinken – das passt doch hierher“.

Im letzten Raum: Peter Jacobi. Im Mittelpunkt seiner Bilder-Präsentation steht eine dreiteilige Skulptur „Frida Kahlo – la muse endormie“. Als Sockel ein Element seiner modularen Säulen, darauf eine Alabaster-Skulptur, die an eine Trockenhaube erinnert – „ein Hinweis auf die Koketterie Frida Kahlos und erotisches Moment“. Als dritter Teil schließlich die autonome Nachbildung eines Lederkorsetts für Invaliden. „Das liegt zwischen Korsett und Korsage“ – Zeichen für den Unfall der Künstlerin.

Zum Schluss meldet sich das schlechte Gewissen: So viel nicht gesehen, was sich gelohnt hätte!