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Parodie von Glam-Rock-Klischees: Mit Perücken und höchst erotischen Streifen- und Schneetiger-Leggings begeistern „Blaas of Glory“ die Zuschauer. Foto: Tilo Keller
Absurdes Theater und Situationskomik: Das Trio „Three of a kind“ jagt einen Passanten spontan durch die Fußgängerzone. Er nimmt’s mit Humor. Foto: Tilo Keller
Die offene Tür des Clowns Cia durchschreiten wohl Hunderte Zuschauer. Foto: Tilo Keller
Da gibt’s was auf die Ohren: Der Pforzheimer Thomas Grammel hört bei Lorna Rees vom „Gobbledegook Theatre“ auf dem Waisenhausplatz genau hin. Foto: Tilo Keller
Das Traumorgel-Karussell vom „Theatre de la Toupine“ müssen Eltern antreiben: Hier vergnügt sich Khatera Said aus Pforzheim mit ihrem zweijährigen Sohn Arian. Foto: Tilo Keller
30.07.2018

Tausende beim Sommersprossen-Festival: Die Stadt wird zur Theaterbühne

Pforzheim. Plötzlich bleiben Passanten einfach stehen. Sie kramen aus ihren Taschen den grünen Programmplan hervor – er ist an diesem Samstagmittag das Utensil schlechthin. „Wohin geht‘s?“ fragt sich einer. „Ein Höhepunkt neben dem anderen“, stellt er fest. 80 Künstler aus sieben Ländern treten, wie berichtet, beim 20. Musik- und Theaterfestival auf. Da will gut ausgewählt sein, was man sich wann anschaut.

Eine Daumenregel erweist sich als cleverer Ratgeber: Wo eine Menschentraube zu sehen ist, wird was geboten. Pforzheim ist an diesem letzten Festivaltag die Bühne für eine Vielfalt an Erlebnissen: Musik, Tanz, Straßentheater, Akrobatik und Clownerie. Die Stadt wird zum Kunstraum, Alltagsplätze verwandeln die Künstler in besondere Orte. Es geht ums Hinschauen, ums Hinhören – und um Aufmerksamkeit. Und die ist in diesen bewegten Zeiten ein rares Gut.

Bildergalerie: Sommersprossen: Letzter Tag

Bildergalerie: Sommersprossen: Theater Gajes auf dem Marktplatz

Bildergalerie: Musik- und Theaterfestival Sommersprossen in Pforzheim

Bildergalerie: Sommersprossen : Claudio Stellato im Kulturhaus Osterfeld

Bildergalerie: 20. Internationales Musik- und Theaterfestival in Pforzheim

Sommersprossen: Pforzheim verwandelt sich in Theaterbühne

„Mama, was ist das für ein Auto?“ fragt ein interessierter Junge. Er meint Gijs van Bons Buchstabenmaschine, die mit Sand Goethe-Lyrik auf den Boden Fußgängerzone schreibt. Sie ist umlagert von neugierigen Blicken – ein abgefahrenes Gerät. Der Niederländer schüttet Sand in einen Trichter, die Buchstaben verwischen im Laufe des Tages. Alles ist eben vergänglich.

Unterhalb der Galeria Kaufhof schallen melancholische Klänge durch den warmen Sommerwind. Auf seltsam aussehenden Instrumenten spielt das Trio „La Fausse Compagnie“. Eine Stunde später geht’s an derselben Stelle fröhlicher zu. Die Menge lauscht den „Gehörgängern“ – und die verschenken Lieder: alte Volksweisen und Renaissance-Gesänge sind dabei, man klatscht munter mit.

Ums Gehör geht es auch auf dem Waisenhausplatz beim britischen „Gobbledegook Theatre“. Ein seltsames Bild: Festivalbesucher halten Ohrtrompeten auf die Erde und lauschen. Sie sollen Klangvorkommen unter der Erde entdecken. An manchen Stellen gibt’s tatsächlich was zu hören. Und es ist nicht das wachsende Gras, bestätigt Rudi Wihg aus Kieselbronn. „Die Unterwelt ist mit Rohren durchzogen, da kann es schon Schwingungen geben.“ Das Ehepaar gegenüber winkt ab. „Eine Komplettverarsche. Aber eine echt toll gemachte“, sagen sie lachend.

Nebenan entdecken Jungen und Mädchen die Klang-Instrumente von Etienne Favre. Es rasselt, trötet und pfeift – musikalische Früherziehung vom Feinsten. Kinderaugen leuchten bei den „Vegetable Nannies“. Sie verteilen mit Schnullern präpariertes Gemüse oder Obst und erzählen dazu Geschichten. Ihr fantasievolles Straßentheater begeistert auch in englischer Sprache.

Neuauflage für 2020 geplant

Während Jaap Slagman vor der Stadtkirche, wie er sagt, Träume erfüllt, marschiert die Kapelle „Blaas of Glory“ in einer Polonaise vors CCP, „The Final Countdown“ in Dauerschleife, es klingt wie Guggenmusik. Mit Akkordeon, Saxofon, Banjo und Pauke sorgen ihre irren Interpretationen von Heavy-Metal-Klassikern wie „Highway To Hell“ oder „The Boys Are Back In Town“ für heitere Ausgelassenheit. Später am Unteren Marktplatz wollen sie die Pforzheimer gar nicht gehen lassen. Womöglich kommen die Rocker wieder. Festival-Mitorganisatorin Maria Ochs will die Sommersprossen mit dem Osterfeld auch 2020 auf die Beine stellen. Glücklich blickt sie zurück auf die drei Festivaltage, trotz Hitze seien große Zwischenfälle ausgeblieben: „Wir hatten eine schöne Stimmung, entspannte Momente und internationales Flair in der Stadt.“