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Cornelie Holzach, Leiterin Schmuckmuseum, vor dem präparierten Quetzal aus dem Thüringer Landesmuseum. Foto: Meyer
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Schwierige Ausleihe aus Japan: Schlangenarmreif, den der Pariser Juwelier Fouquet für Sarah Bernhardt schuf. Foto: Schmuckmuseum

Teurer Weg zur Ausstellung: Schmuckmuseum muss teils horrende Kosten für Leihgaben bezahlen

Pforzheim. „Das war herrlich unkompliziert“, freut sich Schmuckmuseumsleiterin Cornelie Holzach und blickt auf das zarte bunte Vögelchen, das in einer Vitrine zum Auftakt der großen Humboldt-Ausstellung thront. Denn so einfach, wie das Thüringer Landesmuseum, das in der Heidecksburg in Rudolstadt beheimatet ist, machen es viele Leihgeber keinesfalls. Und wie Holzach können viele Museumsleiter ein Lied davon singen, wie kompliziert und teuer es inzwischen geworden ist, an bestimmte Exponate heranzukommen.

Das Gegenbeispiel erlebte Holzach anlässlich der Ausstellung „Serpentina“ vor fünf Jahren: Kurator Fritz Falk wollte unbedingt den berühmten Schlangenarmreif der Bühnendiva Sarah Bernhardt ausstellen. Doch die Sakai City Cultural Hall in Japan, wo das gute Stück eher zufällig gelandet ist, stellte Auflagen, die der Museumsleiterin die Haare zu Berge stehen ließen: „Der Einzeltransport des Stücks musste durch zwei Kuratoren erfolgen, die in der Businessclass anreisten. Die Vorgabe war, dass wir den Armreif nicht berühren und auch nicht in die Vitrine einbauen dürfen.“ Soweit, so gut. Aber als dann noch die Forderung kam, dass die Kuratoren alle zwei Wochen während der Ausstellungsdauer anreisen wollten, um das Schmuckstück zu kontrollieren, wurde es Holzach zuviel. „Nach längeren Verhandlungen haben die Kollegen dann eingesehen, dass so etwas nicht geht.“

Offensichtlich hatten die Chefs des kleinen japanischen Museums in der Provinz wenig Erfahrung mit der Ausleihe. Aber auch in größeren Häusern, wie dem British Museum

in London sind die Bedingungen alles andere als einfach. „Allein die Bearbeitung der Anfrage, ob wir ein Exponat ausleihen können, kostet schon fast 700 Euro“, schildert die Kunsthistorikerin. „Egal, ob wir das Stück bekommen oder nicht.“ In gewissem Maß kann sie das sogar nachvollziehen: „Das British Museum bekommt hunderte Anfragen am Tag. Dafür braucht es schon eine eigene Abteilung. Da ist inzwischen in vielen Häusern ein großes Kostenbewusstsein entstanden.“

Und so nimmt es nicht Wunder, dass Anfragen an Leihgeber oft schon zwei Jahre vor Ausstellungsbeginn gestellt werden. „Unsere Ausleihwünsche an Museen und private Sammler für die Napoleon-Ausstellung, die im Oktober beginnt, sind natürlich längst erledigt“, schildert sie. Denn: Der Weg, bis ein beliebtes Stück auf Reisen geht, ist lang. „Wenn es überhaupt noch reist“, schränkt Holzach ein. Wo früher Museumsleiter und Kollegen über die Ausleihe bestimmt hätten, würden heute Restauratoren das letzte Wort haben. „Und die sind extrem vorsichtig.“ Einerseits verständlich, denn manche Transportschäden zeigen sich erst Jahre später. Gerade die Mikrovibrationen in Flugzeugen seien langfristig sehr gefährlich – selbst wenn das gute Stück in einer speziellen Klima-Transportkiste gesichert sei. Und wenn besondere Kostbarkeiten – zum Teil unter Polizeischutz – reisen, dann kann das teuer werden: 20 000 bis 30 000 Euro. Ein Batzen Geld, den das kleine Pforzheimer Museum nur in Sonderfällen aufbringen kann.

Doch damit nicht genug: Klar, dass die Ausstellungsbedingungen, wie Lichtstärke und Luftfeuchtigkeit in den Vitrinen exakt stimmen müssen. „Aber manche Ausleiher wollen noch eine zusätzlich Prüfung über die Ausdünstung der Stoffe, mit der wir die Vitrinen auskleiden“, sagt die Schmuckexperten. Das bedeutet: „Wir müssen die Stoffe ein Jahr vorher kaufen, damit eventuelle Schadstoffe weg sind. Aber das macht natürlich viel Flexibilität bei der Ausstellungsarchitektur zunichte.“ Und nicht zu vergessen: Hohe Versicherungskosten fallen an und die Leihgebühren der Museen. Die schlagen beispielsweise mit 400 Euro pro Objekt beim Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu Buche, die Wiener verlangen 600 Euro.

Bis zu 150 Stücke unterwegs

Macht es da überhaupt noch Spaß, Exponate zu leihen und vor allem auch zu verleihen? Eine Frage, die Holzach mit einem klaren Ja beantwortet. Zwischen 20 und 150 der Museumsstücke treten jährlich den Weg zum Teil rund um die Welt an – natürlich bei empfindlichen Stücken mit Prüfung durch Restauratoren. „Als Botschafter Pforzheims“, sagt Holzach, die sich trotz der Arbeit darüber freut, wenn die Schätze des Schmuckmuseums irgendwo auf dem Globus die Menschen faszinieren. Und dafür verlangt sie auch keine Ausleihgebühren.

„Archive und Bibliotheken würden am liebsten gar nichts mehr rausgeben“

„Das Ausleih-Geschäft wird immer schwieriger“, sagt der Präsident des Deutschen Museumsbunds und Chef des Badischen Landesmuseums, Eckart Köhne. „Die Vorgaben der Leihgeber sind heute wesentlich komplexer, anspruchsvoller und teurer, als sie es vor zehn bis 20 Jahren waren.“ Waren es früher Handwerker wie etwa Schreiner und Goldschmiede, die über Praktika in den Museumsbetrieb wuchsen, seien es heute Absolventen von Fachhochschulen, die die Ausleihe bestimmten. Aus Sicht mancher Museumsleiter mangelt es ihnen am Bezug zum Objekt. Der Verband der Restauratoren räumt „Reibungspunkte“ mit Kuratoren von Ausstellungen ein. „Wir sind dazu da, darauf zu achten, dass die Exponate nicht mehr reisen, als ihnen guttut“, erläutert Simone Heuken vom Verband. Jede Bewegung, jeder Transport, jeder Flug und jede Klimaveränderung sei eine Belastung für die Sub-stanz. Und die zu erhalten, sei oberstes Gebot für ihr Metier. Alfried Wieczorek, Generaldirektor der Reiss-Engelhorn-Museen, spricht hingegen von fehlgeleiteter Lehre: „Archive und Bibliotheken würden am liebsten gar nichts mehr rausgeben.“ Ruhezeiten etwa für Bilderhandschriften beliefen sich auf zwölf Jahre. „Früher waren es drei Jahre, bis sie wieder gezeigt werden durften.“ Belastungen würden durch immer schärfere Auflagen minimiert, finden die Museumsleiter. Wieczorek etwa verweist auf die marginale Schadensbilanz seines Hauses: In den vergangenen fünf Jahren sei kein einziges Ausstellungsstück beschädigt worden. Heuken bestreitet, dass das Ausleihen ohne Beschädigungen abgehe. „Das sind Veränderungen im Mikrobereich, die unter Umständen erst Jahre später sichtbar werden und der Laie und auch der Kunsthistoriker nicht bemerken.“ Im Zweifel müsse der Kunstliebhaber eben zum Werk kommen – und nicht umgekehrt.