Theater-Indendant Münstermann verlässt Pforzheim: Ein Interview-Rückblick über sieben spannende Jahre

Er kann erhobenen Hauptes gehen: Thomas Münstermann hat in seiner Intendanz am Theater Pforzheim vieles bewegt. Er wird nicht nur durch seine herausragenden Inszenierungen vielen in Erinnerung bleiben. Seine selbst gesteckten Ziele hat er jedoch nicht alle erreicht. Woran er gescheitert ist, was ihm gelungen ist und wie seine Zukunftspläne aussehen, schildert Thomas Münstermann im Gespräch. Ein Abschied, der krankheitsbedingt ohne persönliche öffentliche Würdigung stattfindet.

PZ: Wie waren Ihre Erwartungen, als Sie in der Spielzeit 2015/2016 Ihre Intendanz in Pforzheim antraten?

Thomas Münstermann: Nur positiv! Es gab vom Gemeinderat den Auftrag, ein Ensemble – vor allem im Musiktheater – aufzubauen. Das waren hohe Erwartungen, denn ich weiß, wie schwierig es heutzutage ist, neue Ensembles zu bilden und zu pflegen. Sie müssen deutlich kleiner sein als früher, was mit den finanziellen Gegebenheiten zu tun hat. Als ich in den 90er-Jahren als Oberspielleiter in Pforzheim war, hatten wir 17 festangestellte Sänger und 20 Schauspieler. Nun war die Aufgabe, Sänger zu verpflichten, die sich gleichermaßen in der Oper bewähren, künstlerisch auf hohem Niveau sind und sich in den unterschiedlichen Genres bewegen können. In großen Häusern kann man sehr spezialisiert Sänger für bestimmte Fächer engagieren. Das ist hier anders. Deshalb habe ich darauf geschaut, Sängerpersönlichkeiten zu engagieren. Das ist ein mühsamer Prozess, da allein das Vorsingen oft nicht ausreicht. Man muss sich manche Bewerber mehrfach anschauen. Und so haben wir sukzessive ein Ensemble aufgebaut. Das war aber nur möglich, weil Verwaltungsdirektor Uwe Dürigen und ich eine Umstrukturierung vorgenommen haben, indem wir Teile des damals größeren Gästeetats in feste Engagements umgewidmet haben. Ich bin ein Freund des stehenden Theaters und nicht eines Hauses, in dem sich die Gäste die Türklinke in die Hand geben. Ich glaube, Entwicklung kann nur passieren, wenn man stetig miteinander arbeitet. Darauf habe ich mich damals gefreut, und das hat sich auch eingelöst.

Welche Ziele haben Sie außerdem erreicht?

Wichtig war uns eine verstärkte Arbeit in die Stadt hinein. Das haben wir durch vielfältige Aktivitäten in allen Sparten intensiviert. Wir haben eine ganze Menge ange schoben, und das muss auch weitergehen. Wir hatten außerdem den Plan, ein Kinder- und Jugendtheater als Begriff zu etablieren. Was uns auch geglückt ist. Das „Büpf“ ist inzwischen gerade in Schulen und Kindergärten gut verankert. Wir konnten auf diese Weise ein gewaltig gesteigertes Publikums- und Vorstellungsaufkommen erzielen. Im Haus kann man nicht davon sprechen, dass wir neue Besucherrekorde erzielt hätten, den Gastspielbereich konnten wir hingegen deutlich ausweiten.

Und was ist Ihnen nicht geglückt?

Durch die wirtschaftlichen Gegebenheiten, unter die wir und die Stadt Pforzheim im Ganzen, gestellt sind, stand das Thema Stabilisierung im Vordergrund. Uns ging es als Theaterleitung darum, die Mitarbeiterzahl keinesfalls zu verringern oder gar Sparten zu opfern. Das war ein Schwimmen gegen den Strom, bei dem man froh sein muss, nicht abgetrieben zu werden. Manche Blütenträume gehen dann eben nicht in Erfüllung. Das betrifft zum Beispiel neue Spielstätten oder den zeitgemäßen Umgang mit der Immobilie.

Wie ist es in den einzelnen Sparten gelaufen?

Ich hätte mir etwas mehr Kontinuität in der Schauspielleitung gewünscht. Unser erstes Team mit Caroline Stolz und Alexander May war zwei Jahre hier und ist dann in Leitungspositionen gewechselt. Beide sind mittlerweile Intendanten. Über die Entwicklung des Balletts bin ich sehr glücklich. Diese Sparte ist mit Guido Markowitz so ins Blühen gekommen, dass es weit darüber hinausgeht, wie ich es mir zu Beginn vorgestellt habe. Im Musiktheater hatten wir den Wechsel des Generalmusikdirektors. Die Zusammenarbeit mit Markus Huber war sehr gut und freundschaftlich, das setzt sich mit Robin Davis fort.

Wie hat sich das auf der Bühne gezeigt?

Ich glaube, in den zurückliegenden Jahren sind uns viele schöne Produktionen gelungen. Wir haben in diesen sieben Jahren knapp 180 Premieren gefeiert. Ich habe bei keiner einzigen Produktion gegen den Wunsch des Regieteams eingegriffen. Weil ich daran glaube, dass nur mit künstlerischer Autonomie gute Ergebnisse entstehen können. Im Detail haben wir vieles auch kritisch besprochen. Da war ich auch immer sehr entschieden. Und das war für die Mitarbeiter auch anstrengend.

Gibt es für Sie herausragende Momente – auch in Ihren Inszenierungen?

Ich habe hier 22 Mal Regie geführt. Es gab insgesamt viele Produktionen am Haus, die ich sehr geschätzt habe. Mich hat immer besonders beeindruckt, wenn eine Produktion künstlerisch gelungen ist und sie das Publikum bewegt hat. Das ist in allen Sparten doch einige Male passiert. Natürlich gab es spektakuläre Momente gleich zum Anfang mit „Nabucco“ als der ganz Saal „Va pensiero“ mitsang. Aber es gab auch kleine, stille Abende, die in ihrer Art unübertrefflich waren.

Zweieinhalb Spielzeiten Ihrer Intendanz waren von der Corona-Pandemie bestimmt. Was waren die Auswirkungen?

Ich scheue mich davor, gerade als Theatermensch darüber zu jammern, wie schwierig die Verhältnisse waren. In viel existenzielleren Arbeitssituationen wie in Pflegeheimen ging es um das Leben schlechthin. Oder in der Gastronomie mit Beschäftigten, die an ihre wirtschaftlichen Grenzen gestoßen sind. Die Theatermitarbeiter waren in der Zeit der Schließung mit einem Kurzarbeitervertrag ausgestattet, der sie nicht in existenzielle Not gebracht hat. Aber es haben sich andere Probleme gestellt: Wir sind ein Betrieb mit Menschen aus vielen Dutzend Nationen aus allen Erdteilen, die teilweise über mehrere Monate völlig abgekoppelt von ihrem Beruf und damit ihren sozialen Kontakten in ihren Ein-Zimmer-Wohnungen saßen.

Und wie hat sich diese Zeit auf das Publikum ausgewirkt?

Als wir nach dem Lockdown wieder spielen durften – in einem Saal, in dem nur 130 Menschen auf Abstand sitzen durften, war das schon fragwürdig. Im ganzen Theaterbereich sehen wir durch Corona eine Entwicklung, dass immer weniger Besucher kommen. Das hat mit Verunsicherung zu tun, aber auch damit, dass Theater in der Krise schnell von der die Bundes- und Landespolitik als „Freizeitaktivität“ eingestuft wurde und nicht als ein notwendiges Lebensmittel. Wenn die neue Intendanz im Herbst startet, besteht schon wieder die Gefahr, in Maßnahmen hineinzurutschen.

Wie können diese Entwicklungen die Zukunft der Theater beeinflussen?

Hier stellt sich die Frage: Was bedeutet Theater in der Gesellschaft? Wenn die Politik diese Frage mit „Freizeitvergnügen“ beantwortet, könnte das Publikum es genauso sehen. Wir registrieren die Tendenz, dass alles, was spektakulär mit Stars oder mit Vergnügen zu tun hat, viele Besucher verzeichnet. Anspruchsvollere Kultur, die eines anderen Blicks und manchmal mehr Mühe bedarf, könnte ins Hintertreffen geraten.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Markus Hertel?

Ich habe gehofft, Markus Hertel könnte optimistisch in eine coronafreie Saison starten. Ich wünsche ihm vor allem Fortune. Man kann am Theater den Erfolg vorbereiten, ihn aber nicht erzwingen. Ich hoffe, dass sich seine Pläne erfüllen, und freue mich, dass er mit dem vorhandenen Ensemble weiterarbeitet. Möge er in dem Mix aus Kontinuität und Innovation sein Publikum zu finden und seine Vorstellung von Theater auszudrücken.

Bleiben Sie Pforzheim verbunden?

Ich bleibe mit einem Bein in Pforzheim, da meine Lebensgefährtin hier wohnt. Aber ich habe auch andere Pläne, möchte endlich einmal außerhalb einer Stadt leben, mein Lebensmodell etwas freier gestalten.

Sandra Pfäfflin

Sandra Pfäfflin

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