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Eine Welt voller Bewegung - im Theater Pforzheim (hier eine Ballettaktion im Foyer) sieht man sich noch nicht Angriffen von rechts ausgesetzt. An anderen deutschen Bühnen tritt das aktuell häufiger auf. Archivbild: Meyer
Eine Welt voller Bewegung - im Theater Pforzheim (hier eine Ballettaktion im Foyer) sieht man sich noch nicht Angriffen von rechts ausgesetzt. An anderen deutschen Bühnen tritt das aktuell häufiger auf. Archivbild: Meyer
16.01.2019

Theater Pforzheim wehrt sich „gegen jede Form von Extremismus“

Pforzheim. Wenn das Theater die Justiz beschäftigte, ging es früher häufig um die Verletzung religiöser Gefühle. Jetzt haben Staatsanwälte und Richter immer wieder Inszenierungen zu prüfen, weil Rechte Anstoß nehmen. Zu Anfeindungen aus der rechten Ecke ist es am Theater Pforzheim bislang nicht gekommen, wie die Theaterleitung auf PZ-Anfrage schreibt.

Gegen das im Herbst 2015 uraufgeführte Stück „Fear“ von Falk Richter an der Berliner Schaubühne klagte unter anderem erfolglos die AfD-Politikerin Beatrix von Storch, da Fotos von ihr verwendet wurden. In Paderborn zeigte der AfD-Kreisverband das Theater wegen Verleumdung und Volksverhetzung an. Die Lokalpolitiker nahmen an einer Grafik im Spielzeitheft Anstoß. Darin waren unter anderem Wahlergebnisse der NSDAP und der AfD gegenübergestellt worden. Die Staatsanwaltschaft nahm keine Ermittlungen auf, da es keine rechtlichen Voraussetzungen gab. Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Ulrich Khuon, beobachtet zunehmend Angriffe von rechts auf die Kunstfreiheit.

Die Pforzheimer Theaterleitung teilt die Forderung des Bühnenverein-Präsidenten Khuon, „verstärkt den Blick auf das Ganze zu werfen und die Gesellschaft zu spiegeln“. Und eine Unterstützung regional formulierter Manifestationen der Bewegung „Die Vielen“ werde derzeit intern erörtert. „Zum Stärken des Zusammenhalts in der Gesellschaft beizutragen und somit auch für Akzeptanz gegenüber sozialen Minderheiten zu werben, entspricht dem Selbstverständnis unserer Theaterarbeit“, schreiben Intendant Thomas Münstermann, Chefdramaturg Peter Oppermann und Verwaltungsdirektor Uwe Dürigen.

Das Theater Pforzheim wolle vielfältig integrativ und gegen jede Form gesellschaftlicher Spaltung wirken. Dies bedeute, Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten, Ethnien und Altersgruppen nicht nur als Zuschauer zusammenzuführen, sondern auch mit pädagogischer Arbeit kollektiv und mitgestaltend am künstlerischen Geschehen teilhaben zu lassen. Bei der Zusammenstellung der Ensembles setzte man, wie jedes andere Theater in Deutschland auch, auf Internationalität und Vielfalt: Menschen diverser Nationen arbeiten hier am Waisenhausplatz, mitten im Zentrum der Stadt, tagtäglich kreativ miteinander. Das derzeitige Spielplanmotiv „Wie wollen wir miteinander leben?“ verweise zudem auf aktuelle, auch komplexe gesellschaftspolitische Fragen.

„Ihnen stellen wir uns mit ausgewählten Produktionen inhaltlich, und sie regen zu – wohlgemerkt kritisch-differenzierten – Diskussionen mit unserem Publikum an.“ Das Theater sei vor diesem Hintergrund ein wichtiger Standpfeiler bei der – offenkundig immer wichtiger werdenden – Verteidigung humaner, demokratischer Werte durch Kulturinstitutionen, gegen jede Form von Extremismus.

Auch das Pforzheimer Kulturhaus Osterfeld werde so gut wie nie mit offenen Anfeindungen von rechts konfrontiert, sagt Leiterin Maria Ochs. „Wir haben im Gegensatz zu Theatern, mit Ausnahme der Amateurtheaterproduktionen, keine langfristig gezeigten Stücke im Programm, sondern hauptsächlich einzelne Gastspiele.“

Allerdings gab es Reaktionen auf den Vorbericht zum am 13. Februar geplanten Konzert „Let´s get loud – Pforzheimer MusikerInnen gegen Rechts“. Ein Blog, der sich nach eigenen Angaben gegen eine befürchtete Islamisierung Europas richtet, hatte dies aufgegriffen und das Kulturhaus unter anderem als Einrichtung beschrieben, „die sich fragwürdigem linken Treiben alles andere als abgeneigt präsentiert“. In der Folge habe Ochs an zwei Tagen 42 zum Großteil anonyme E-Mails ins Postfach bekommen, die sie in einem Ordner mit dem Titel „Shitstorm“ sammelt. „Denn die Inhalte waren häufig beleidigend, unsachlich und sexistisch.“ Das Kulturhaus Osterfeld werde nun für den Abend „ein solides Sicherheitskonzept“ erarbeiten.