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Noch glaubt Felix Krull an sein Glück: Max Ranft (Mitte) spielt die Titelrolle in der Dramatisierung des Thomas-Mann-Romans mit Bernhard Meindl, Joanna Lissai, Jens Peter und Fredi Noël (von links). 

Theater Pforzheim zeigt Bühnenbearbeitung „Felix Krull“ von Thomas Mann

Pforzheim. Mit „Mehr Schein als Sein“ kommt man bestens durchs Leben. Allzumal in einer Gesellschaft, die sich am schnellen Erfolg und am bereichernden Erlebnis orientiert, wobei einem dabei – wenn man es intelligent zu lenken weiß – am meisten Erfolg und Erlebnis widerfährt. So in etwa liest sich die ironische Quintessenz von Thomas Manns modernem Schelmenroman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, an dem der Literaturnobelpreisträger als 35-Jähriger und nochmals am Ende seines Lebens geschrieben hat.

Erzählendes Kollektiv

Der „Krull“ blieb unvollendetes Fragment. Ein erster Teil allerdings, der weltweit Beachtung fand, erschien 1954. Das Theater Pforzheim hat das Werk nun in ein Theaterstück gepackt, womit sich die episch in 27 Kapiteln ausgebreitete Hochstaplerkarriere nochmals Revue passieren lässt. Die Bühnenbearbeitung stammt von Schauspieldirektor Andreas Frane und Elias Perrig, der das Stück inszeniert hat und dabei vor allem im ersten Teil das in Kostümen auftretende Ensemble als erzählendes Kollektiv nutzt. Mit wechselnden Stimmen wird die Prosa dargeboten, die bei Thomas Mann ja viel verschachtelten und ausgedehnten Satzbau mit sich bringen kann.

Das erinnert an vielen Stellen sehr an „Hörbuch-Regie“ und wirkt als Bühnensprache leider ermüdend. Viele Regieeinfälle veranschaulichen die Story dennoch bühnengerecht. Im Matrosenanzug, kurzhosig mit Kniestrümpfen, spielt Max Ranft den jungen Krull, wie er als „Vorzugskind des Himmels“ an sein Glück glaubt. Dass beim Sopran-Arie-Singen nur mimisch der Mund bewegt wird und dass der eigentliche Gesang von der Schauspielerkollegin im Hintergrund geliefert wird, verdichtet das Motto vom „Mehr Schein als Sein“ als schönes Theaterbild mit der genau passenden Komik.

Gespielt wird zunächst schlichtweg vorm blauen Samtvorhang, wenn erzählt wird, wie Krull beim bankrotten Sektfabrikanten Schimmelpreester (Fredi Noël mit etwas harter Textaussprache) aufwächst. Um die Episode vom Theaterbesuch in Wiesbaden darzustellen, öffnet sich der Vorhang und dahinter zeigt sich eine Bühne auf der Bühne, wo der Künstler Müller-Rosé (Jens Peter mit sehr viel rosa Wangenschminke und Lidschatten) seinen glänzenden Auftritt hat und Krulls Schlüsselerlebnis ermöglicht.

Denn nach der Vorstellung ist aller Glanz verflogen und Backstage zeigt sich der Künstler entblößt mit Unterhose und verpickelter Haut. Der Schein ist vom Sein immer nur eine von vielen möglichen Erscheinungen.

Am besten gelingt Max Ranft die Musterungsszene. Um sich der Wehrpflicht zu entziehen, simuliert Krull vor dem Stabsarzt den Epileptiker. Das Schulterzucken meistert Max Ranft mit großer Spielfreude, antwortet auf „Sind Sie schwerhörig?“ flott mit „Wie bitte?“ und hat die Lacher damit natürlich auf seiner Seite.

Vom Liftboy zum Marquis

Der zweite Teil des Stücks ist stärker und reicher am szenischen Spiel. In Paris avanciert Krull im Hotel vom Liftboy zum Kellner, übt sich als Liebesdieb bei Madame Houpflé (Michaela Fent mit gutem Gespür für sexuelle Albernheit), bedient die Interessen des homosexuellen Stanko (Bernhard Meindl), der Soubrette Zaza (Joanna Lissai) und der paarungswilligen Eleanor Twentyman (Johanna Miller), bis er schließlich an einen Marquis (David Meyer) gerät und selbst Marquis wird… Das Premierenpublikum im leider nur gut zur Hälfte besuchten Theater Pforzheim nahm das Stück sehr positiv auf. Vor allem für Max Ranft gab es viel Applaus. Für seinen Job am Abend gilt das Krull’sche Motto wohl nicht. Für schauspielerische Leistung muss es eher heißen: „Der Schein gehört zum Sein.“

Weitere Vorstellungen am 9., 16. 20., 22., 23. und 27. Oktober. www.theater-pforzheim.de