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Kurt Weills amerikanische Oper „Street Scene“ hat am Samstag im Theater Pforzheim Premiere. Intendant Thomas Münstermann führt Regie. Foto: Seibel
Kurt Weills amerikanische Oper „Street Scene“ hat am Samstag im Theater Pforzheim Premiere. Intendant Thomas Münstermann führt Regie. Foto: Seibel
22.01.2016

Theater-Regisseur Thomas Münstermann: „Brückenschlag zwischen Anspruch und Unterhaltung“

Es ist die Verbindung zweier Welten: Musical-Song und große Arie, Blues und Puccini – Kurt Weills amerikanische Oper „Street Scene“ hat am Samstag im Theater Pforzheim Premiere. Intendant Thomas Münstermann, der Regie führt, erzählt, warum er das Stück so schätzt.

PZ: Was ist das Besondere an „Street Scene“?

Thomas Münstermann: Das hat in erster Linie mit der Entstehung zu tun. Ein europäischer Komponist kommt nach Amerika und schreibt die erste amerikanische Oper. Kurt Weill, der nach New York emigrierte, gelingt es, das musikalische Idiom, diese Broadway-Klänge, den Blues, Jazz und Swing so geschickt mit seiner eigenen, an der Spätromantik geschulten Tonsprache zu verweben, dass etwas herauskommt, was es zuvor so nicht gegeben hat.

PZ: Trifft das auch auf die Story der Oper zu?

Thomas Münstermann: Neu ist, dass hier ein Komponist eine soziale Situation zum Thema macht. Opern über kleine Leute hat es früher schon gegeben – „La Boheme“ beispielsweise. Aber hier wird die Situation, in der die Menschen leben, zur Hauptsache. Nicht die Personen werden im Titel thematisiert, sondern die Straße selbst, der einfachste Ort, den wir uns vorstellen können, wird zum Theater. „Street Scene“ ist doppeldeutig: Eine Szene in einer Straße, aber die Figuren spielen auch auf ihrer Bühne – die Straße wird zum Theater.

PZ: Und wie setzen Sie das um?

Thomas Münstermann: Die Hauptrolle spielt eigentlich eine Fassade – im doppeldeutigen Sinn. Einmal tatsächlich als Hausfassade. Wir sehen in dem Stück nur, was die Figuren bereit sind, von sich zu zeigen. Der Blick hinter die Kulisse ist durch Vorhänge meistens versperrt. Da fangen unsere Mutmaßungen an. Was machen die eigentlich zu Hause? Da kann man sich vieles vorstellen – von Abgründigem bis zu ganz Nüchternem, von Normalität bis zu Sodom und Gomorrha.

PZ: Wie lässt sich diese Vielschichtigkeit auf die Bühne bringen?

Thomas Münstermann: Man muss sich das als einzelne Geschichten denken. Und die verbinden sich in bestimmten Momenten. Man geht letztlich immer von den Figuren aus. Was haben sie für eine Geschichte? Die muss man sich als Regisseur zum Teil ausdenken, zum Teil vermuten. Und dann muss man diese Stränge so führen, dass jede Figur ein Profil bekommt und spielbar ist.

PZ: Gibt es einen Gegenwartsbezug?

Thomas Münstermann: Das Stück ist nicht nur ein ästhetischer Schmelztiegel. Es geht um eine Straße, in der Menschen verschiedener Nationalitäten wohnen, alles Immigranten vornehmlich aus Europa – denn Europa ging es auch einmal so schlecht, dass alle übers Wasser mussten. Im Original sind das Italiener, Schweden oder Deutsche, die alle mit Akzent sprechen. Wir benutzen zum Teil die Akzente, die unsere Darsteller aus ihrer Heimat mitbringen. Lilian Huynen wird mit holländischem Akzent sprechen, es gibt aber auch russische und schwedische Anklänge. Dann ist kein großes Nachdenken erforderlich, um zu sehen, dass es genau diese Situation des Sich-Miteinander-Arrangieren-Müssens auch bei uns in Pforzheim gibt.

PZ: In welcher Zeit siedeln Sie das Stück an?

Thomas Münstermann: Wir spielen das Stück architektonisch und vom Kostüm her im Amerika der 1930er- bis 1950er-Jahre, wie wir es aus vielen Musicals kennen. Dann gibt es einen Punkt, da drehen wir die Hauselemente so, dass wir statt des New Yorker Gebäudes eine Hausfassade aus Pforzheim-Eutingen sehen. Und wir können uns vorstellen, was wäre, wenn diese Familien aus den verschiedenen Ländern in einer Sozialsiedlung leben würden? Da wissen wir, was sich zutragen kann: Streit, Zank, bis hin zum Mord. Was mich daran interessiert ist, dass wir solche Geschichten mögen, wenn wir sie im Film oder auf der Bühne sehen. „Porky und Bess“ mag jeder. Aber wenn die nebenan wohnen würden?

PZ: Warum wird das Stück so selten gespielt?

Thomas Münstermann: Was wir oft hören, ist beliebt. Wenn man eine Musik umbringen will, muss man sie einfach nicht spielen. Dass haben wir im Dritten Reich erlebt. Man kann tatsächlich statistisch sehen, dass die Werke, die in diesen „Tausend Jahren“ nicht gespielt wurden, heute immer noch in den Spielplänen unterrepräsentiert sind. Das ist das ganze jüdische und französische Repertoire. In Amerika gehört „Street Scene“ fest zum Spielplan. Und ich kenne kaum eine moderne Oper, die so viel wunderschöne Musik zu bieten hat.

PZ: Gibt es auch unterhaltende Szenen?

Thomas Münstermann: Ganz klar. Wir haben ein tolles Tanzduett choreografiert mit Johannes Blattner und Janne Geest. Es gibt eine riesige Kinderszene und eine Art Straßenfest. Dieses großartige Stück vermag den Brückenschlag herzustellen zwischen Anspruch und Unterhaltung.