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Kunst von Barbara Ehrmann in der Kapelle im Hohenwart Forum: auf dem Boden die Skulptur „transit – überleben“, an der Wand die Tafelbilder „Überfahrt“ (links) und Boje II (Kopf).
Kunst von Barbara Ehrmann in der Kapelle im Hohenwart Forum: auf dem Boden die Skulptur „transit – überleben“, an der Wand die Tafelbilder „Überfahrt“ (links) und Boje II (Kopf).
09.03.2018

Tiefe und Transparenz. Hohenwart Forum zeigt Bilder von Barbara Ehrmann

Barbara Ehrmanns Bilder erschließen sich nicht sofort. Und auch bei näherer Betrachtung erzählen sie keine Geschichte, zumindest keine offenkundige. Dennoch nehmen die ruhigen, meditativen Arbeiten den Betrachter sofort gefangen. In der Ausstellung „Leben leben“ im Hohenwart Forum werden von morgen bis zum 27. Mai 80 Zeichnungen, Collagen und Wachtafeln sowie eine Skulptur gezeigt. Barbara Ehrmann schichtet Ebenen aus Acryl, Sprühlack, Collage-Elementen und Wachs auf Holz, Leinwand oder Japanpapier und schafft dadurch eine außerordentliche Bildtiefe und Transparenz.

Die Wachsschicht schließt die unter ihr liegenden Schichten ein, lässt sie verschwimmen, versinken und führt an die Oberfläche, hin zu tiefschwarzen runden, ovalen, bootsförmigen oder assoziativen Formen, die durch schlängelnde, kabelförmige oder getüpfelt aufgelöste Linien und wolkige Flächen verbunden sind. Die Gebilde scheinen Kraftorte zu sein, denn gelegentlich tauchen menschliche Köpfe oder Torsi auf, die durch Schläuche oder Atemwolken in Verbindung mit ihnen stehen.

Der Bildraum ist nicht näher definiert, nur die reduzierte Farbigkeit in Schwarz-Grau-Weiß, duftigem Orange, wässrigen Blautönen und der Bildtitel lassen erahnen, ob es sich um eine Situation in der Luft, unter Wasser oder auf der Erde handelt. Einflüsse von Reisen in nordafrikanische Wüsten, zu prähistorischen Höhlenzeichnungen und vom Apnoe-Tauchen werden spür- aber nicht näher lokalisierbar.

In der Kapelle entfaltet die von Kuratorin Krisztina Jütten einfühlsam kuratierte Ausstellung eine überwältigende Wirkung. An den Wänden hängen vier großformatige Tafelbilder mit den geschilderten Kraftort-Gebilden sowie die Tafelbildserie „Schattenlicht (Kinder In Iherir)“. Die realen, in Zeitungsausschnitten abgebildeten Kinder verschwinden hinter Wachs- und Malschichten, sichtbar werden rätselhafte Spuren und Relikte vergessener Existenzen. Mächtig im Ausdruck die einzige Skulptur, „transit – überleben“ direkt vor dem Kreuz. Ein menschlicher Torso zieht scheinbar mit letzter Kraft zwei sackförmige Gebilde. Oder sind es seine zu Gewichten gewordenen Beine, die ihn zurückhalten? Die Unterwürfigkeitsgeste vor dem Kreuz könnte sowohl Ergebenheit ins Schicksal wie Bitte um Barmherzigkeit bedeuten.

Eine Besonderheit sind 24 Illustrationen (Pastellkreide auf Papier) sowie zehn Entwürfe, die Barbara Ehrmann nach einer persönlichen Begegnung mit Imre Kertesz zu seinem mit dem Literaturnobelpreis gekrönten Werk „Roman eines Schicksallosen“ geschaffen hat. Sie unterscheiden sich stilistisch stark von den anderen Arbeiten. Die Formen sind hart und kantig, das ambivalente Schwarz ist hier eine negative Kraft, die wenigen Farben sind kalt und giftig. Die inhaltliche Aussage ist auf das beschränkt, was den Alltag in einem KZ prägt: Mensch, Brot, Nummer, Grenze, Schrei, Tod. Zu dieser Reihe findet am 27. April um 19 Uhr in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft eine Literatursoiree mit Künstlergespräch statt.