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Jürgen Budday wird im Juni 2016 zum letzten Mal ein großes Oratorium mit dem Maulbronner Kammerchor leiten: Die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach steht auf dem Programm.   fotomoment
Jürgen Budday wird im Juni 2016 zum letzten Mal ein großes Oratorium mit dem Maulbronner Kammerchor leiten: Die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach steht auf dem Programm. fotomoment
29.09.2015

Toller Abschluss: Maulbronner Klosterkonzerte sind zu Ende gegangen

Ein Wagnis ist es nicht. Zum Saison-Abschluss setzen die Maulbronner Klosterkonzerte auf Bewährtes: Bachs Johannespassion. So ganz will das Werk nicht in die Zeit passen, im sonnigen September fern der Passionszeit, fast genau sechs Monate nach Karfreitag. Aber im christlichen Glauben ist sie immer aktuell, die Geschichte vom Leiden und Sterben Christi. Und in Bachs staunenswerter Vertonung stets ein Ereignis. Gerade, wenn sie so gelungen erklingt wie hier.

Nur eine Entscheidung, die ist ärgerlich. Mit ihren rund zwei Stunden Spielzeit lädt die Passion dazu ein, ohne Pause durchgespielt zu werden. Zu groß und gewaltig ist der Bogen der Leidensgeschichte, als dass es ihm gut tut durch eine Pause durchbrochen zu werden – und wenn, dann nicht an der Stelle, die die Verantwortlichen in Maulbronn gewählt haben. Da ist – nach dem Choral „In meines Herzens Grunde“ – schon beinahe das gesamte Geschehen an den Besuchern in der ausverkauften Klosterkirche vorbeigezogen: der gewaltige Anfangs-Chor mit seinen unsteten Instrumental-Grummeln, die Verleugnung des Petrus und – als geniales Alleinstellungsmerkmal der johanneischen Passion – die von Bach unnachahmlich gestaltete philosophisierende Gerichtsszene zwischen Pilatus, Christus und der aufgebrachten Menge, die ihre Wut in geifernden Turba-Chören herausschreit.

Was nach der Pause folgt, ist die eigentliche Kreuzigung, ein viel kürzerer Teil, mit weniger handlungsbestimmtem als vielmehr reflexivem Gestus, Innerlichkeits-Arien statt brüllendem Massengesang. Nichtsdestotrotz erzeugt die Aufführung gewaltige Wirkung.

Mehr Schönheit als Drama

Der Maulbronner Kammerchor überzeugt unter Jürgen Budday mit einer eindringlichen Interpretation. Gerade die eigenständigen Chorsätze gestalten die Musiker in durchdachter Dramaturgie. Die Choräle gelingen in satt-sicherer Intonation – nur manch ausuferndes Ritardando am Choralschluss hätte es da nicht gebraucht. Aber hier wie auch in den Turba-Chören, deren Reiz ihre spröde Direktheit ist, zeigt sich, dass dem Maulbronner Ensemble meist Klangschönheit vor dramatischem Ausdruck gilt – ein zweischneidiges Schwert.

Johannes unter dem Kreuz

Die Solisten geben eine beeindruckende Vorstellung. Als Christus überzeugt Tobias Berndt, der die sakrale Unnahbarkeit der Figur wunderbar verkörpert. Daniel Johannsen gestaltet seine Partie des Evangelisten mit waghalsiger Ergriffenheit. Kein vom Alter gebeugter Johannes erzählt hier Geschichte aus einer fernen Zeit. Johannsen scheint als Erzähler wirklich unterm Kreuz zu stehen.

Auch David Allsopp zeigt als Alt-Solist eine starke Vorstellung. Weniger hervor treten Sophie Klußmann (Sopran), Josef Wagner (Bass) und Benjamin Hulett (Tenor), die eine gediegene Interpretation zeigen. Schade, dass Hulett gerade am Anfang des Abends zu wenig Stimmkontrolle zeigt.

Das Barock-Ensemble „il ca-priccio“ zeigt sich als versierter instrumentaler Partner, der gerade im Chorsatz „Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine“ auftrumpft. Schade, dass die Viole d’amore – gerade zur Tenor-Arie „Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken“ – ihre Stimmung nicht halten und sich teils heftige Intonationsprobleme ergeben. Die Generalbassgestaltung gelingt – auf Orgel und Cembalo – Evelyn Laib besonders gut. Insgesamt aber bildet ein hochzufriedenstellender Abend den Abschluss der diesjährigen Klosterkonzerte. Nachdem der ergreifende Schlusschoral in der kerzenbeschienenen Kirche verklungen ist, brandet – nach langem Innehalten – großer Applaus auf. Nicht für ein Wagnis; aber für eine liebevolle Interpretation des Bach’schen Meisterwerks.