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Ines (Sandra Hüller) denkt an nichts als ihre Karriere. Das gefällt ihrem Vater (Peter Simonischek) gar nicht. Er blamiert sie als Kunstfigur „Toni Erdmann“. Foto: SWR
Ines (Sandra Hüller) denkt an nichts als ihre Karriere. Das gefällt ihrem Vater (Peter Simonischek) gar nicht. Er blamiert sie als Kunstfigur „Toni Erdmann“. Foto: SWR
04.01.2017

„Toni Erdmann“ mit Chancen auf Oscar - auch in Pforzheim ein Erfolg

Los Angeles/Pforzheim. Bei wenigen Filmen der vergangenen Jahre sind sich Kritiker so einig in der positiven Beurteilung wie bei „Toni Erdmann“ von Maren Ade. Die bitterböse Komödie sorgt für Begeisterung: erst beim Filmfestival in Cannes, dann beim Europäischen Filmpreis – und jetzt bei den Oscars? Das klärt sich am 26. Februar. Dann nämlich kann der Film den begehrten Preis für nicht-englischsprachigen Film gewinnen.

Gute Chancen auf den Preis

Wie stehen seine Chancen? Gut, wenn man sich in Los Angeles umhört. „Alle hier lieben diesen Film“, beteuert zum Beispiel der amerikanische Film-Produzent Mark Johnson (71). Er leitet bei der Akademie das Gremium für die Vergabe des Auslands-Oscars. Johnson, der 1989 den Oscar als Produzent von „Rain Man“ gewann, hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Filme gesehen, die aus 85 Ländern als Bewerber für den besten nicht-englischsprachigen Film 2017 eingeschickt wurden. „Toni Erdmann“ schaffte es Mitte Dezember mit acht weiteren Kandidaten in einer Vorauswahl auf die traditionelle „Shortlist“ – fünf davon gehen später in die Endrunde. Warum ist der Film so beliebt?

„ ,Erdmann‘ ist so anders als die bisherigen deutschen Filme, gewöhnlich sind es politische Themen, wie ‚Das Leben der Anderen‘ oder Filme über den Nationalsozialismus“, meint Johnson. Aber „Toni Erdmann“ ist kein pathetischer Historienschinken, sondern anders.

Mit Humor nimmt er die Welt der Unternehmensberater aufs Korn. Denn der namensgebende „Toni Erdmann“ (Peter Simonischek) weiß seine karrierebewusste Tochter Ines (Sandra Hüller) mit seinem Klamauk so in den Wahnsinn zu treiben, dass es eine Freude ist, ihm dabei zuzugucken. Das haben auch viele Pforzheimer so gesehen. Hier lief der Film insgesamt erfolgreich.

Sein Start in der Goldstadt aber war schwierig. Als der Film Mitte Juli zum offiziellen deutschen Kinostart ins Rex-Kino kam, waren es nur wenige Zuschauer, die ihn sehen wollen. „Bei den Leuten, die den Film gesehen haben, ist er sehr gut angekommen“, sagt Nicolas Geiger, Juniorchef der Pforzheimer Kinobetriebe. „Aber die Auslastung war nicht gut.“ Einige Wochen noch habe man versucht, mehr Menschen zu begeistern, auch um tendenziell anspruchsvolleren Filmen eine Plattform zu bieten. Ein wirklicher Erfolg stellte sich nicht ein. Der Film wurde abgesetzt – und war dann ab Mitte August im Kommunalen Kino (Koki) zu sehen, wo er bis heute in unregelmäßigen Abständen gezeigt wird.

Die Beschäftigung mit „Toni Erdmann“ ging für Koki-Geschäftsführerin Christine Müh aber schon früher los. „Ich habe die deutsche Erstaufführung im Juni auf dem Filmfest München gesehen“, sagt Müh. „Der Saal hat getobt.“ Ist der Film also bloß ein Liebling der Kritiker und lässt andere Zuschauer kalt?

Das kann Müh nicht bestätigen. Er sei am Koki der zweiterfolgreichste Film des Jahres gewesen – mit guter Auslastung und noch besserer Rückmeldung des Publikums. „Wir hatten ,Toni Erdmann‘ erst vor ein paar Wochen wieder auf dem Spielplan“, sagt Müh. „Und spielen ihn auch im Januar und Februar noch einige Male.“

Auch Geiger könnte sich vorstellen, den Streifen für einige Vorstellungen wieder ins Programm zu nehmen. „Wenn er den Auslands-Oscar wirklich gewinnt zum Beispiel.“ Denn ganz so häufig kommt es nicht vor, dass deutsche Filme den begehrten Preis gewinnen.

Das erste Gewinner-Land war vor 60 Jahren Italien mit Federico Fellinis Melodrama „La Strada“. Volker Schlöndorff holte 1980 mit „Die Blechtrommel“ den Oscar erstmals nach Deutschland. 2003 folgte Caroline Link mit „Nirgendwo in Afrika“ und 2007 Florian Henckel von Donnersmarck mit „Das Leben der Anderen“.

Es ist eine illustre Gesellschaft, in die sich die gebürtige Karlsruherin Ade einreihen würde. Dazu muss sie sich aber noch durchsetzen. In einem ersten Schritt werden aus den insgesamt neun nominierten Filmen fünf ausgewählt und am 24. Januar verkündet. Ihre Auswahl erfolgt unter strengster Geheimhaltung an einem Wochenende Mitte Januar, wenn 40 Akademie-Mitglieder gleichzeitig in Los Angeles, New York und London alle Filme sehen.

Neben „Toni Erdmann“ sind unter anderem die Filme „The Salesman“ (Iran), „Ein Mann namens Ove“ (Schweden) und „Einfach das Ende der Welt“ (Kanada) im Rennen. Über die Kandidaten in der Endrunde können alle 7000 Mitglieder der Oscar-Akademie abstimmen – solange sie alle fünf Filme gesehen haben. Und wenn sie sich am Ende dann wirklich für den deutschen Beitrag entscheiden, sollte Maren Ade für die Gala am 26. Februar unbedingt eine Dankesrede parat haben.