nach oben
Mal sarkastisch, mal nachdenklich: Bert Oberdorfer (von rechts), Jan Weigelt und Gerhard Dierig gestalten einen eindringlichen Tucholsky-Abend.  molnar
Mal sarkastisch, mal nachdenklich: Bert Oberdorfer (von rechts), Jan Weigelt und Gerhard Dierig gestalten einen eindringlichen Tucholsky-Abend. molnar
06.06.2016

Tucholsky-Abend begeistert das Publikum beim Kulting-Festival in Schömberg

Er wollte aufrütteln, mit der Schreibmaschine die Katastrophe aufhalten – Kurt Tucholsky. Bissig kämpfte er gegen den Nationalsozialismus, gegen alte Bürokraten, Traditionssoldaten und Richter, sang dafür ein Loblied auf die kleinen Leute. Und auf die Menschen, die auch zu Deutschland gehörten: „Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ‚national‘ nennen, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben.

Wir sind auch noch da“, schrieb Tucholsky einst über seine Heimat. Bei einer musikalisch-literarischen Hommage an den Lyriker und Gesellschaftskritiker in der Kinderklinik Schömberg kamen einige seiner Texte und Lieder zu Gehör – mit Tiefsinnigkeit und Spott.

Unter dem Titel „Lerne lachen, ohne zu weinen“ präsentierte der Kölner Schauspieler Bert Oberdorfer mit Gerhard Dierig (Viola) und Jan Weigelt (Keyboard, Klavier, Akkordeon) vor allem den politischen Tucholsky, trug Gedichte über den Ersten Weltkrieg und das Dritte Reich vor, vermittelte aber auch Lustiges zum Thema Ehekrach und Mitglied im Verein.

Texte wirken nachhaltig

Mit Musik von Hanns Eisler wirkten die Texte nachhaltig, mal in derber Biergartenstimmung wie beim „Sommerlied“ mit eingängigem „Schnedderedeng im Refrain“, mal mit traurigen Melodien nach leisen Worten wie: „Bei dem Krieg, der dann kommt, schneiden sich die Leute buchstäblich die Hälse ab.“ Im Rahmen des zweiten dreitägigen Kulting-Festivals in Schömberg, veranstaltet von „Musik auf der Höhe“, stellt dieser Abend gewiss eine Besonderheit dar, schon aufgrund der Räumlichkeit. Die vielen Zuhörer waren begeistert – sei es vom Spottlied auf den abgedankten Kaiser Wilhelm „Wem hamse die Krone geklaut“ oder vom schwelgenden Schunkelton bei „Nur einmal auf dem Buhlewar! Nur einmal in Paris!“ Bert Oberdorfer las und sang hingebungsvoll, mal gewitzt, sarkastisch und appellierend laut, mal verzweifelt und mit gefalteten Händen flehend. Der Bratschist, der leidenschaftlich mitsingt und teils humorvoll übertreibt – etwa bei dem „achtstimmigen“ Männer-Chor-Lied „Anna Luise“ – traf den richtigen Ton.

Und wenn er von Sellerie, Radieschen und der SPD sang, „außen rot und innen weiß“, markierte er nebenbei den Salon-Stil der Zeit. Der Pianist veränderte öfters den Klang seines Instruments, mischte Drehorgel- und Bläserklänge unter und steigerte die eindringlich vorgetragenen Zeilen „Küsst die Faschisten“ mit härter werdenden Staccato-Akkorden. Mit zahlreichen Klassik- und Jazzkonzerten ging das Kulting-Festival erfolgreich zu Ende.