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Udo Lindenberg und der Autor Thomas Hüetlin (rechts) bei einer Lesung in der Berliner Bar „Freundschaft“. Foto: dpa/Bänsch
Udo Lindenberg und der Autor Thomas Hüetlin (rechts) bei einer Lesung in der Berliner Bar „Freundschaft“. Foto: dpa/Bänsch
10.10.2018

Udo Lindenberg erzählt in Biografie von Jahrzehnten im Musikgeschäft

Berlin/Hamburg. Die Eckkneipe „Freundschaft“ in Berlin-Mitte. In schummrigem Licht sammeln sich gut einhundert Menschen an der Holztheke und warten auf den Star des Abends. Panik-Rocker Udo Lindenberg (72) hat zu einer Lesung eingeladen – seine Biografie „Udo“ ist gerade erschienen.

Auf dem Programm stehen eine Lesung und eine Musikeinlage. Aber Lindenberg, wie immer mit Hut, schwarzer Sonnenbrille und Zigarre in der Hand, bestellt erstmal ein alkoholfreies Bier und hält einen Plausch mit dem ein oder anderen Gast. Gefeiert werde immerhin der Start in einen „goldenen Rocktober“, wie er am Rande erklärt, „mit reichlich Udopium für die Sympathisanten“.

Familiäre Atmosphäre

Zu dritt stehen sie hinterm Tresen, als ob sie seit Jahrzehnten Stammgäste im „Freundschaft“ wären: der Rockstar, der Autor Thomas Hüetlin und der Verleger Helge Malchow. Fast familiär sitzt das Publikum an der Bar um sie herum. „Niemand kann sich vorstellen, Deutschland ohne Udo erlebt zu haben“, erklärt Malchow mit Pathos in der Stimme. Lindenberg blickt sich im Publikum um, sein Hut wippt auf und ab. Bis der Verleger am Ende „jetzt wird gelesen“ ruft. Udo wechselt auf Lesebrille, das Licht ist zu dunkel.

„Stell dir vor, du gibst eine Party, und das Ganze dauert ein bisschen länger“, schreibt der Autor zu Beginn des Buches – nun liest es der vor, dessen Leben da beschrieben wird. „Nicht bis zum Morgengrauen. Nicht zwei oder drei Tage. Eher vierzig Jahre. So genau weißt du es nicht mehr. Es ist schließlich eine Party, und da kann es schon mal passieren, dass man den Überblick verliert.“ Hüetlin hat für „Udo“ nicht nur mit Udo gesprochen, sondern auch mit Familie, Freunden, Wegbegleitern und Mitgliedern des Panikorchesters. Von der Gartenstraße Nummer 3 im westfälischen Gronau, wo der Musiker aufwuchs, bis ins Hamburger Luxushotel „Atlantic“, wo er heute lebt.

„Udo“ erzählt von Aufstieg und Abstürzen eines Künstlers, der sich nicht nur seit den 1970er-Jahren im Musikgeschäft behauptet, sondern seit seinem Comeback 2008 erfolgreicher ist als je zuvor. Schon einige Bücher wurden über ihn geschrieben, so manche Anekdote aus dem Leben des Rockstars lieferte Schlagzeilen – vom Leben in der „Villa Kunterbunt“-WG mit Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen über die geheime Affäre mit Nena bis hin zu Alkoholexzessen mit 4,7 Promille. Für „Udo“ hat Hüetlin nicht nur viel Stoff aus diesem ungewöhnlichen Leben zusammengetragen, für „Udo“ hat auch Udo so manchen näheren Blick zugelassen.

Auch auf schwere Zeiten wie jene, als er 2006 schwer atmend auf dem Bett saß, nachdem er gerade vom Tod seines Bruders Erich erfahren hatte. Erich sei sein seelischer Boxenstopp, geistige Tankstelle und Rettungsfahrzeug gewesen. „Der Udoway war jetzt nur noch ein Highway ohne Leitplanken.“ Udos Karriere befand sich im Sinkflug, der Alkohol hatte ihn im Griff. Doch er wollte es noch mal schaffen – noch mal das große Ding machen. Aber: „Das große Ding geht nur ohne Suff im Kopp.“ Nur ein Eierlikörchen sollte ab und an erlaubt sein. Auch in der Berliner Kneipe tauscht der Musiker das alkoholfreie Bier gegen den „Feierlikör“. Gelesen wird da schon längst nicht mehr.

Udo Lindenberg, Thomas Hüetlin: Udo, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 24 Euro