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Glanzvolle Rolle für Chris Murray (Mitte): Er spielt den Shylock mit abscheulicher Bosheit, greller Raserei und anrührender Verletzlichkeit. Foto: Haymann
10.04.2017

Umjubelte Deutsche Erstaufführung des Musicals „Shylock“ am Theater Pforzheim

Pforzheim. Was ist nicht alles aus der Rolle des Juden Shylock in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ gemacht worden! Die Nazis haben ihn als verzerrte Projektionsfigur eines widerlichen Antisemitismus missbraucht, andere Interpreten sahen ihn in der Nähe des weisen Nathan von Lessing. Das Musical „Shylock“, das am Pforzheimer Theater seine Deutsche Erstaufführung erlebte, bemüht sich um Verständnis, warum hinter dem Klischee des ambivalenten „Unmenschen“ Shylock eine anrührende Geschichte steckt.

Das Musical Shylock feiert Premiere im Theater Pforzheim

Diese Geschichte findet sich freilich bei Shakespeare auch schon. Der Jude Shylock, der mit dem verhassten Christen Antonio einen barbarischen Vertrag aushandelt, nach dem ihm bei Fälligkeit einer geliehenen Summe ein Pfund Fleisch des Schuldners zusteht, pocht zwar auf Einhaltung des unmenschlichen Pakts und wird von der venezianischen Gesellschaft dafür ebenso unmenschlich bestraft. Aber in seiner Verteidigungsrede macht er geltend, dass er Zeit seines Lebens von ebendiesen Mitmenschen verachtet und ausgestoßen war. Nichts Neues auf dem Rialto, wie es bei Shakespeare und immer wieder im Musical heißt.

Bildergalerie: Musical „Shylock!“ feier Premiere am Theater Pforzheim

Diese moderne Version, zu der die gefeierte Mezzosopranistin (und ehemalige Innsbrucker Intendantin) Brigitte Fassbaender den Text und Stephan Kanyar die Musik schrieben, hatte 2012 am Tiroler Landestheater Innsbruck ihre Uraufführung. Das Stück richtet sein Augenmerk ganz auf den Wucherer Shylock und blendet große Teile der Handlung weitgehend aus. Dafür aber wird in eingefügten Details und großen Rückblenden das Leben des vorgeblich so „bösen“ Juden als eine schmerzliche Abfolge von Zurücksetzungen, Beschädigungen und Misshandlungen erzählt, die der Figur zunehmend das Mitleid der Zuschauer sichert.

Dramaturgisch mag es gegen dieses fast durchweg gesungene Musical eine Reihe von Einwänden geben. Aber musikalisch hat es durchaus seine Vorzüge. Die Komposition von Kanyar wartet mit einer Reihe von schönen Ohrwürmern auf, setzt in großen Rockballaden, bewegten Ensembles und intimen Szenen auf bewährte Muster des Genres und bewegt sich im klingenden Mix von knalligem Blech, treibendem Schlagwerk und atmosphärischem Streichersound stilistisch zwischen „Anatevka“, „Cats“ und „Les Miserables“, ohne deswegen zu einer wirklich eigenen Tonsprache zu kommen. In der fetzigen, engagierten Wiedergabe durch die animiert aufspielende Badische Philharmonie unter Tobias Leppert kommt dennoch eine mitreißende Aufführung zustande.

Vor allem aber ist es die ideen- und temporeiche Regie von Alexander May, die das Werk zu einem einmütigen Erfolg macht. Auf der geschickten Bühne von Isabell Kittnar, die auf verschiedenen Ebenen zwischen dem tristen Tresorkeller als Shylocks Reich und dem verspielten Ambiente der Nebenhandlung auch optisch eine hohe Spannung wahrt, lässt die Inszenierung in virtuos gemachten Schattenspielen die Vergangenheit des traurigen Helden Revue passieren.

Unbezweifelbare Stütze der Einstudierung ist der famose Chris Murray, der den Shylock durch seine imponierende stimmliche Leistung und darstellerische Bravur zwischen abscheulicher Bosheit, greller Raserei und anrührender Verletzlichkeit faszinierend vielgestaltig anlegt. Sein Gegenspieler Antonio gerät bei dem glänzend singenden Paul Jadach als allzu schrillem, gelbblondem Siegfried-Typ ein wenig plakativ, Philipp Moschütz als besorgter Freund Bassiano und Tobias Bode als Lorenzo steuern in Spiel und Gesang unauffällige Studien bei. Bei den sängerisch vorzüglichen Damen ist Danielle Rohr eine energische, klug agierende Portia, und Caroline Zins als Shylocks geliebte Tochter Jessica gibt der emotionalen Zerrissenheit des Mädchens glaubwürdige Kontur. Der verlässliche Theaterchor tritt solistisch in kleineren Partien, aber auch im bizarren Kollektiv der venezianischen Kanalratten wirkungsvoll in Erscheinung.

Der Pforzheimer „Shylock“ verdient die stehenden Ovationen, mit denen das begeisterte Premierenpublikum nach wiederholtem Zwischenapplaus den zweieinhalbstündigen Abend feierte.