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„Wir wollen Sie nicht in ein Saxofon-Koma spielen“, sagt Rick Margitza (links) und legt mit seinen Musikerkollegen Gabor Bolla und Tony Lakatos (rechts) im „domicile“ so richtig los. Foto: Frommer
„Wir wollen Sie nicht in ein Saxofon-Koma spielen“, sagt Rick Margitza (links) und legt mit seinen Musikerkollegen Gabor Bolla und Tony Lakatos (rechts) im „domicile“ so richtig los. Foto: Frommer
16.11.2016

Ungewöhnliche Klänge: „The Gipsy Tenors“ im „domicile“

Pforzheim. Die gängige Phalanx einer Bläsergruppe wird von Trompete, Saxofon und Posaune getragen. Nicht so beim sechsköpfigen Jazz-Projekt „The Gipsy Tenors“, das Montagnacht im „domicile“ begeistert – hier bilden drei exzellente Musiker an Tenorsaxofonen – Tony Lakatos, Rick Margitza und Gabor Bolla – die, in jeder Hinsicht, außergewöhnliche erste Reihe.

Den Auftakt gestalten die drei Musiker, die allesamt der ethnischen Minderheit der osteuropäischen Roma entstammen, gemeinsam. Das Können von Vincent Bourgeyx (44) am Piano und Darryl Hall am Kontrabass blitzt zunächst nur auf. Mit einer humorigen Ansage macht Rick Margitza jedoch deutlich: „Wir wollen Sie nicht in ein Saxofon-Koma spielen.“ Gesagt, getan: Die drei Bläser verändern ihre Präsenz auf der Bühne kontinuierlich; sie spielen zu zweit, solo, oder heben – mit geschlossenen Augen und zu dritt – zum fulminantem Improvisieren ab.

Wie ein Wespenschwarm

Was sie spielen? Am besten wird das am Titel „Bebop Csardas“ deutlich, einer Eigenkomposition des gebürtigen Ungarn Lakatos, die musikalische Elemente des Csárdás mit synkopiertem Jazz kombiniert und mit langsamem Tempo beginnt, dann aber zunehmend Fahrt aufnimmt und beim großen Finale – natürlich der drei Saxofone – akustisch an einen wildgewordenen Wespenschwarm erinnert.

Lakatos (58) lebt in Frankfurt, Gabor Bolla (28) in Kopenhagen und Margitza (55) in den USA. Gipsy-Tenor-Schlagzeuger Bernd Reiter (34) antwortet auf die Frage, wie die Musiker sich zu diesem spektakulären Projekt zusammengefunden haben: „Die drei Saxofonisten kennen und schätzen sich seit Jahren. Pianist und Rhythmusgruppe sind in der Metropolregion Paris zu Hause. Wir gehen immer wieder gemeinsam, wenn auch in unterschiedlichen Besetzungen, auf Tournee: Ein Casting brauchte es also nicht.“

Gegen Ende des ersten Sets, wie in der Zugabe – „Tenor Madness“ von Sonny Rollins 1956 komponiert – laufen die Bläser zu mitreißender Höchstform auf und ernten spontanen Szenenapplaus. Nicht nur die Bläser! Kontrabassist Darryl Hall aus Philadelphia beherrscht die hohe Kunst des „Walking Bass“, gibt rhythmisch gleichmäßig und trotzdem abwechslungsreich den Ablauf eines Stückes vor.

Der aus Loeben bei Graz stammende Schlagzeuger Bernd Reiter zeigt sich als Meister der perkussiven Feinabstimmung, mal entlockt er den Fellen seiner Trommeln mit Drum-Besen eher verhaltene Schleifgeräusche und setzt nur mit dem Hi-Hat knappe, helle Akzente, wenig später lässt er sein Schlagzeug wie die vehement anbrandende See, die Becken wie feine Gischt klingen.

Großartige Soli

Neben den Uptempo gespielten Kompositionen sind es aber gerade die von jeweils einem Saxofonisten dargebotenen Soli, die das Publikum im „domi“ begeistert feiert. Lakatos reüssiert mit der Jazz-Ballade „You’ve Changed“, 1960 von Sarah Vaughan populär gemacht, Bolla mit dem Standard „Lament“ und Margitza mit dem vom brasilianischen Grammy-Gewinner Ivan Lins komponierten „Love Dance“. Also: wahrlich keine Spur von Saxofon-Koma!

Robin Daniel Frommer