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Grandioser Gesamtklang: Die Badische Philharmonie Pforzheim führt unter Generalmusikdirektor Markus Huber die Komposition „Askwemire revisited“ des Solo-Oboisten Nigel Treherne auf. Foto: Seibel
Grandioser Gesamtklang: Die Badische Philharmonie Pforzheim führt unter Generalmusikdirektor Markus Huber die Komposition „Askwemire revisited“ des Solo-Oboisten Nigel Treherne auf. Foto: Seibel
Dagmar Manzel. Foto: Seibel
Dagmar Manzel. Foto: Seibel
05.07.2016

Uraufführung der Komposition „Askwemire“ im CCP gefeiert

Pforzheim. Mit einer Uraufführung des hauseigenen Oboisten Nigel Treherne und einer großen Mozart-Sinfonie hat am Sonntag die Badische Philharmonie Pforzheim das Publikum im Großen Saal des CCP begeistert.

Auf dem Programm stand zudem die Ballettmusik „Die sieben Todsünden“ von Kurt Weill. Schauspielerin Dagmar Manzel überzeugte darin in der Gesangsrolle als moralisch orientierungslose Anna. Der vielseitige Konzertabend stand unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Markus Huber. Sehr ruhig breitet sich in aufgelöster Tonalität der Streicherteppich aus. Irgendwann setzen hektische Klarinettentropfen ein, gefolgt vom wuchtigen Schimpfen der Blechbläser. Zum Konzerteinstieg präsentiert die Badische Philharmonie mit der Uraufführung von „Askwemire revisited“ von Nigel Treherne (geboren 1951) die deutlich orchestrale Tonsprache der Moderne. Mal wummert oder fiept es, mal rühren einen die ganz zarten Töne an.

Alltagsnahe Urlaubseindrücke

Nigel Treherne ist Pforzheims Solo-Oboist. Vor vielen Jahren kam der Engländer in den deutschen Süden, und er blieb nach erfolgreichem Probespiel hier hängen, weil für ihn und das Orchester musikalisch-beruflich alles so gut passte. Doch im Urlaub fährt Treherne bis heute gern auf die Insel. In den 1990er-Jahren zog er sich mehrmals in die einsame, nordenglische Provinz zurück. Dort, in einer Hütte namens Askwemire, entstand seine Komposition, die er mit ziemlich alltagsnahen Urlaubseindrücken gestaltet hat. Kinder, die im Ferienhaus zu Besuch sind und Gameboy spielen, sind in der Tonmalerei ebenso verarbeitet wie zugeknallte Haustüren und der Blick in die weite Landschaft. Unter den musikalischen Versatzstücken findet sich dann auch ein wütender Ausbruch der Pauken. Roland Härdtner setzt ihn eindrucksvoll um, mit Spielfreude motivierend für den gesamten Klangkörper. Treherne hat das Werk komponiert, wohl wissend, welche Stärken sein Orchester hat. Der Gesamtsound ist grandios. Warum gibt es im Spielplan eigentlich nicht mehr davon?

Von der Avantgarde kehrt das Programm zu gewohnten Bahnen zurück. Markus Huber dirigiert eine erwartungsgemäß wunderschöne Interpretation der Sinfonie Nr. 39 Es-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Fröhlich und unbeschwert geht es etwa im Menuetto zu, pfiffig und flink im Finale. Die musikalische Botschaft ist eindeutig, überrascht aber auch niemanden im Saal: Das Orchester kann und mag Mozart.

Einfühlsam und resolut

Da haben „Die sieben Todsünden“ von Kurt Weill nach der Pause mehr künstlerischen Tiefgang, wobei Huber einen vortrefflichen, runden Klang des vermeintlichen Revue-Orchesters (mit Banjo und schmachtenden Geigen) formt. In der Ballettmusik nach Texten von Bert Brecht wird das Mädchen Anna von ihrer Familie losgeschickt, um auf ihrer Reise durch Amerika Geld zu verdienen für ihr „kleines Haus in Louisiana“. Die alten katholischen Werte, niemals Todsünden wie Faulheit, Stolz oder Zorn zu begehen, treffen auf die unmenschliche soziale Kälte im Kapitalismus pur. „Stolz ist nur was für reiche Leute“, heißt es da zum Beispiel. Schauspielerin Dagmar Manzel – mit Mikrojon am Kinn auf der linken Bühnenseite am Pult stehend – gibt die Partie der Anna gesanglich sowohl einfühlsam wie resolut.

Die verkehrte Moral, die in Brecht’scher Manier nach volkstümlichen Sprichwörtern klingt, nimmt man Dagmar Manzel glaubwürdig ab. Dem stehen – rechts postiert – die Familienmitglieder (Johannes Strauß, Steffen Fichtner, Albrecht von Stackelberg, Aleksandar Stefanoski) in nichts nach: „Wenn die eine Hand gibt, muss die andre Hand nehmen“, ist so ein Spruch, der sich da zwischen Mutmacher-Song und trügerischer Spießbürgeridylle hineinmogelt. Dramaturgisch arbeitet diese Musik mit vielen charakterlichen Gegensätzen. Die Badische Philharmonie kann und mag auch Kurt Weill. Und dafür gibt es langen Applaus.