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„Besorgte Bürger“ sei für ihn das „Unwort des Jahres“, sagt Kabarettist Urban Priol bei seinem Gastspiel im CongressCentrum Pforzheim.   Recklies
„Besorgte Bürger“ sei für ihn das „Unwort des Jahres“, sagt Kabarettist Urban Priol bei seinem Gastspiel im CongressCentrum Pforzheim. Recklies
07.12.2015

Urban Priols satirischer Jahresrückblicke begeistert im CongressCentrum Pforzheim

Das hätte Urban Priol selbst nicht für möglich gehalten, dass es einmal Zeiten geben könnte, in denen er die Kanzlerin verteidigen müsste. „Zehn Jahre habe ich mich an unserem Führungsvakuum abgearbeitet“, sagt er bei seinem Pforzheimer Gastspiel mit dem Programm „Tilt!“.

Doch für das, was die Kanzlerin in Sachen Flüchtlingspolitik an den Tag gelegt habe, zollt Priol, einer der scharfzüngigsten deutschen Politkabarettisten, der Regierungschefin Respekt.

Bei seinem schonungslosen Jahresrückblick, den der gebürtige Aschaffenburger im CongressCentrum präsentiert, bekommt eine Vielzahl von Politikern und Vertretern großer Organisationen ihr sprichwörtliches Fett ab, etwa Jean Claude Juncker, „der einst aus Briefkästen und Schließfächern ein ganzes Land geformt hat“, Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der bei seiner letzten gestammelten Pressekonferenz „alte Manuskripte von Edmund Stoiber aufgetragen hat“, und der „ganzkörper-teflonbeschichtete Kaiser Franz Beckenbauer“. Aber auch der griechische Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis, laut Priol „der Tsatsiki-Bosbach in intelligent“, die AfD-Chefin Frauke Petry, bei der der „Parteigruß ,Petri heil‘ bereits vorprogrammiert ist“, und Deutschlands Verteidigungsministerin, „die Fregatte von der Leyen, alias Dr. No“, werden nicht geschont, ebensowenig wie der türkische Präsident Ercip Tayyen Erdogan als „Döner-Putin“ oder der bayerische Ministerpräsident „und inzwischen gut eingestellte Quartals-Irre“ Horst Seehofer, der gerne das Motto der NSA lebe: „Ozapft is!“

Priol lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass das bald endende Jahr 2015 ein gutes für Kabarettisten war. Denn Flüchtlingsproblematik und DFB-Skandal, NSA-Affäre und VW-Abgasskandal, ADAC-Betrügereien oder Griechenlandkrise boten einmal mehr reichlich Stoff, um verbal zum Rundumschlag auszuholen. Dabei sind es die blitzgescheiten, in Maschinengewehrmanier abgeschossenen Salven fein formulierter Kritik an Politik und Gesellschaft, die das Publikum mit großer Treffsicherheit erreichen und mal herzhaft zum Lachen bringen, mal bitter schlucken lassen.

Sterbehilfe und Migranten

Etwa wenn Priol das kürzlich vom Bundestag beschlossene Verbot gewerbsmäßiger Sterbehilfe mit dem politischen Handeln gegen den weiteren Zustrom von Flüchtlingen vergleicht und resümiert, dass der Staat da wohl gegen seine eigenen Beschlüsse verstoße. Oder wenn er darauf verweist, dass nach 1945 in Deutschland zwölf Millionen Migranten aufgenommen wurden, und bitter mit heute vergleicht: „Damals hatten alle nichts, da hat man gerne geteilt.“

Vorfreude auf 2016

Priol selbst teilt gerne – vor allem aus. Und er hält den Menschen einen Spiegel vor, wenn er auf die in den Medien vielzitierten „besorgten Bürger“ verweist, die für alles herhalten dürfen, aber mitunter kaum zur Stelle seien, wenn es wirklich darum gehe, Widerstand gegen die Politik zu leisten. Auch dass in den Medien nach Terrorakten und anderen Katastrophen gerne ein Blick auf die Börsen geworfen werde, bringt den Kabarettisten auf die Palme: „Wir haben doppelt so viele Alkoholiker wie Aktionäre in Deutschland“, sagt Priol, der sich statt des Blicks aufs Finanzparkett eher Sendungen wie „Schlucken vor Acht“ oder „Täglich grüßt der Dujardin“ wünscht. Da bleibt dem Vollblut-Kabarettisten am Ende nur der Wunsch, dass auch „das nächste Jahr wieder so bescheuert wird wie 2015“. Das Priol-Publikum jedenfalls würde es freuen, wenn er Ende 2016 erneut in Pforzheim Politik und Gesellschaft die Leviten lesen würde.

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