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Unter der Leitung von GMD Markus Huber bringt die Badische Philharmonie als europäische Erstaufführung „Reflections on the Mississippi“ mit Attila Benkö als Solist an der Tuba zum Klingen.  Tilo Keller
Unter der Leitung von GMD Markus Huber bringt die Badische Philharmonie als europäische Erstaufführung „Reflections on the Mississippi“ mit Attila Benkö als Solist an der Tuba zum Klingen. Tilo Keller
Zur Zugabe ist Markus Huber unter die Komponisten gegangen – und unter die Pianisten. Attila Benkö ist mit der Tuba dabei.
Zur Zugabe ist Markus Huber unter die Komponisten gegangen – und unter die Pianisten. Attila Benkö ist mit der Tuba dabei.
02.05.2017

Völlig losgelöst? Im Zentrum des 5. Sinfoniekonzerts im CCP steht die Tuba

Erzählt Musik eine Geschichte? Oder verfolgt sie keine Handlung? Ist sie Literatur in Tönen – oder eine ganz eigene Kunst? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Nur viele eigenständige Versuche, die Frage musikalisch zu beantworten. Das zeigt das 5. Sinfoniekonzert der Badischen Philharmonie im mäßig besuchten CongressCentrum Pforzheim (CCP).

Das erste Werk des Abends ist ganz eindeutig in der Frage: Musik braucht keine Geschichte. Mit seinen Haydn-Variationen tastet sich Johannes Brahms vor zur ersten eigenen Symphonie, die er zwei Jahre später vollendet haben wird – nach über einem Jahrzehnt der Arbeit. Die Variationen sind ein leichteres Werk, beinahe unbeschwert, in der Sommersonne des Starnberger Sees entstanden. Sie transformieren eine Melodie, die Brahms für ein Werk Joseph Haydns hielt. Das ist sie wohl nicht. Brahms macht trotzdem große Musik daraus. Kaum eine Gattung steht dabei so fest an der Seite der Musik als absolute Kunst wie die Variation. Das immer Gleiche erklingt – immer anders. Das wirklich Unerwartete wird nicht passieren – dafür bürgt das Thema, das in immer anderen Charakteren aufscheint. Diese Musik braucht keine Geschichte – sie ist sich selbst genug.

Lebensader der USA

Die Badische Philharmonie zeigt eine angenehme Interpretation. Holz- und Blechbläser sind gut aufeinander abgestimmt. Sie spielen eine prominente Rolle, treten wenig hinter die Streicher zurück – wohl auch wegen des choralartigen Themas, das Generalmusikdirektor (GMD) Markus Huber direkt von Anfang an leidenschaftlich präsentiert. In immer neuen Stimmungen lugt da die vermeintliche Haydn-Melodie hervor, zeigt sich von allen Seiten – aber bleibt sich doch ganz selbst verbunden. Ganz anders das zweite Werke des Abends. Michael Daughertys „Reflections on the Mississippi“ („Reflexionen auf dem Mississippi“) präsentiert mit der Tuba ein ungewöhnliches Solo-Instrument – und ist ganz aus einer imaginierten Geschichte gedacht. Als europäische Erstaufführung malt das Werk verschiedene Szenen rund um den amerikanischen Fluss Mississippi, der als Lebensader beinahe die gesamten zentralen USA durchfließt. Ein richtiges Solo-Konzert ist es nicht geworden. Dafür bereitet das Orchester der Tuba zu wenig die Bühne.

Atilla Benkö als Solist spielt mehr mit, als dass das Werk sich auf ihn zentrieren würde. Hat vielleicht der charakteristische Klang der Tuba für ihre Verwendung in der Südstaaten-Thematik geführt, die manchmal an eine Schiffshupe erinnert? Und so tuckern imaginäre Schaufelraddampfer durch die Szene, durchpflügen das Wasser, eine Sonne geht auf, Südstaaten-Musik weht herüber – eine Erzählung in Tönen. Dabei zeigt sich Daughertys Komposition ungewohnt zahm, fühlt sich einer filmmusikartigen Stilistik verbunden: Disney-Musik. Einzig der Beginn des dritten Satzes – „Prayer“ („Gebet“) – kann mit seinen Stabspiel-Klängen und wabernden Harmonien einen angenehmen Gegenpol liefern. Auch die Zugabe gestaltet sich ähnlich. Für sie scheint GMD Huber unter die Komponisten gegangen zu sein. Er am Klavier und Benkö an der Tuba malen da eine norwegische Szene am Fjord. Das ist nett, nicht mehr – und etwas eintönig in der walklangartigen Behäbigkeit des Tubaklangs.

Der Isenheimer Altar

Das dritte Werk des Abends zeigt eine Synthese. Auch Paul Hindemiths Symphonie Mathis der Maler ist einer Geschichte verpflichtet. Später wird er die hier komponierte Musik in der gleichnamigen Oper verwenden. In beiden Werken steht Matthias Grünewald – eben Mathis, der Maler – im Zentrum, in der Symphonie noch stärker sein berühmtestes Werk: der Isenheimer Altar.

Hindemith ist einer gemäßigt modernen Tonsprache verpflichtet, die Dissonantes nicht scheut, gleichzeitig aber die Klangqualität der konsonanten Dreiklänge nicht aufgeben will. In dem Werk gelingen ihm große Momente. Der zweite Satz zum Beispiel als expressiver Klagegesang über die Grablegung Christi, die in der Isenheimer Altar-Predella dargestellt ist. Oder die musikalische Illustration der Versuchungen des Heiligen Antonius im dritten Satz. Bei allem Erzählen in Tönen verliert Hindemith aber nie die musikalische Binnenlogik aus dem Auge. Funktionieren würde sein Werk auch ohne Kenntnis des dahinterliegenden Programms. Es erzählt, ohne darin ganz aufzugehen. Auch das kann eine Antwort sein auf die Frage, ob Musik ganz eigenständig ist.