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Im wahrsten Sinne Eintauchen in eine andere Welt war bei der Aufführung des Theaterballetts im Pforzheimer Gasometer angesagt. Foto: Theater Pforzheim

Vom Aufführungsort kongenial inspiriert: Premiere von Tanz Pur im Pforzheimer 360 Grad-Gasometer

Pforzheim. Am Einlass weist ein zackiger Kapitän in Galauniform das drängelnde Publikum ein. Doch es geht nicht zum Käptens-Dinner auf ein Traumschiff, sondern zur 4. Ausgabe von Tanz Pur, der zeitgenössisch innovativen Veranstaltungsreihe des Pforzheimer Theaterballetts. Die findet diesmal im „360-Grad-Gasometer“ statt, wo zur Zeit der Künstler Yadegar Asisi sein imposantes „Great Barrier Reef-Panorama“ zeigt. Die spektakuläre Rotunde mit den Unterwasser-Korallen-Steilwänden bildet phantastische Raumkulissen und -situationen, ohne die gebotenen Tanz-Aktionen zu erdrücken.

Ganz im Gegenteil: Das einer australischen Tiefsee-Landschaft nachempfundene Rundbild belebt und bietet den Zuschauern auch von seinem in der Rotunden-Mitte errichteten Aussichtsturm originelle Perspektiven auf die sich tänzerisch abrackernden kleinen Menschen.

In der maritimen Umgebung landen die Pforzheimer Compagnie und ihr Chef, Ballettdirektor Markowitz, offensichtlich am gewünschten Ufer – nämlich bei einem Tanztheater, das zwischen theaterverspielten und balletteusen Szenen changiert.

Das eingangs auf der spiegelglatten Grundfläche des ehemaligen Gaskessels präsentierte Tanzsolo mit dem Titel „Meanwhile“, das von dem schwedischen Tänzerkollektiv des Pforzheimer Kooperationspartners aus Linköping choreografiert und von Eleonora Pennachini (alternativ von Evi van Wieren) frei improvisierend ausgestaltet wird, kreiert zur Hintergrundmusik von Serge Gainsbourgs „Je t’aime“ und der abschließend leise aus einem Radioempfänger singenden „Bohemian Rhapsody“ verqueres Bewegungsgeschlängel eines Meeresbewohners. Das quallenartige Geschöpf im seidig weiß leuchtenden Outfit vergnügt sich mit seinen Kostüm-Tentakeln oder mit Kugeln aus Tang und sucht interaktiv Partner im staunend herumstehenden Publikum.

Das zweite Stück des Abends, Damian Gmürs Choreografie „Wolken die uns nicht tragen“, wird mit „one, two, three“ scharf angezählt. Harte Schlagrhythmen und Geräuschlärm lösen bei zwei Paaren einen erregenden Tanz-Tumult aus. Sie umkreiseln einen scheinbar leblosen Körper, der an einem herabbaumelnden Seil aufgehängt ist. Zu Wassergeplätscher, Heulbojen-Klängen und Stampfen, das von Schiffsschrauben herrühren könnte (Soundtrack Fabian Schulze), rudern die Protagonisten mit gleitenden Armen, wechseln von Angst-Zittern zu zerdehnten Zeitlupen-Sequenzen, vom Wiege-Schritt zu verschrobenen Tanz-Figurationen. Paartänze enden in verzerrter Boden-Gymnastik. Wut und resignierende Traurigkeit liegen dicht beieinander. Und immer schwebt der am Seil Aufgehängte wie Treibholz auf Meereswogen in ihrer Mitte. Zuweilen stoßen ihn die Akteure zu neuem Schwung, bis er kopfüber taumelt. Dann sind Schüsse zu hören, die Tänzer bleiben erschöpft am Boden liegen und Meeresrauschen rollt in Brechern über sie hinweg.

Nach der Pause verwandelt sich das Gasometer in ein versunkenes Schiff. Edan Gorlickis Choreografie „Diving The Yongala“ umspielt in facettenreichen Szenen eine unheimliche Havarie, die sich tatsächlich ereignet hat: Infolge eines Zyklons sank 1911 vor Australien die „SS Yongala“. Von 122 Passagieren und Besatzungsmitgliedern wurde keiner geborgen. Publikum und Tänzer begegnen sich auf dem Havaristen.

Während die mit Taschenlampen ausgestatteten Zuschauer aus den dunklen Gasometer-Katakomben über Stufen und Emporen des Panorama-Aussichtsturms bis zum Schiffsdeck aufsteigen, kämpfen die ertrinkenden Passagiere ums Leben, vereinen sich in letzten verzweifelten Liebes-Tänzen. Die musikalisch wirkungsmächtig beschallte Untergangs-Theatralik mündet in einer choralartig dröhnenden Totenmesse, die vom Ensemble tänzerisch eindrucksvoll zelebriert wird.

Die Pforzheimer Choreografen und Ausstatter haben sich kongenial von dem Aufführungsort inspirieren lassen, der Auszug aus dem Theaterhaus hat sich gelohnt.