nach oben
Fast wie Comedy im Fernsehen: Keine Nachricht und keine noch so existenzielle Frage zu Ethik und Moral werden von den Protagonisten ernst genommen.   stadttheater
Fast wie Comedy im Fernsehen: Keine Nachricht und keine noch so existenzielle Frage zu Ethik und Moral werden von den Protagonisten ernst genommen. stadttheater
26.02.2018

Vom Verbrennen des Geistes - „Herr Biedermann und die Brandstifter“ im Podium des Stadttheaters

Alle Katastrophen sind schlicht Schicksal. Ist das in allen Orten so, in Pforzheim zum Beispiel, oder in Seldwyla, wo Max Frischs Gottlieb Biedermann lebt? Seldwyla ist ein von Gottfried Keller ersonnener fiktiver Ort in der Schweiz, wo man auf lange Sicht das Glück gewinnen kann, wenn man anständig, ehrlich und bescheiden ist. Max Frisch hatte Kellers Seldwyla in seine Hörspielfassung von „Herr Biedermann und die Brandstifter“ aus dem Jahr 1953 übernommen, die jetzt am Podium des Theaters Pforzheim in Szene gesetzt wurde.

Gottlieb Biedermann, ein Haarwasserfabrikant, hat sich behaglich in seiner von Stammtischparolen und verlogener Moral regierten Welt eingerichtet. Biedermann buckelt vor den Stärkeren und tritt nach den Schwächeren. Die Brandstifter haben es leicht, sich bei ihm einzunisten. Schließlich brennt Seldwyla.

Hannes Hametners Inszenierung erzählt in Rückblenden, wie es zur Katastrophe kam. Die Bühne dafür ist die groteske Reality-Show „Light up your life“, die mit ihren Überzeichnungen stilistisch an die zahllosen Comedysendungen im Fernsehen angelehnt ist (Bühne/Kostüme/Video: Dirk Steffen Göpfert). Keine Nachricht und keine noch so existenzielle Frage zu Ethik und Moral werden ernst genommen oder reflektiert. Die Gefahr von Medien, die keine Stellung beziehen, wird deutlich.

Biedermann, dem Robert Besta Kontur, Schärfe und einen überzeugenden Opportunistencharakter verleiht, ist Stargast und wird von den herrlich überzeichneten Moderatorinnen (Katja Thiele und Mira Huber in Doppelrollen) interviewt. Die Brandstifter Schmitz (Jens Peter) und Eisenring (Sophie Lochmann) treten wie der Deutsch-Rapper Cro in Pandamasken auf und sind darauf bedacht, ihre Anonymität zu wahren und ihre wahre Identität zu verschleiern. Man erkennt sie, weiß aber nicht, wer sie sind. Sie sind gleichzeitig bedrohlich und wortgewandt und viel gebildeter, als Biedermann glaubt. Jens Peter und Robert Besta liefern sich Rededuelle, die an Spannung kaum zu überbieten sind. Sophie Lochmann als Eisenring tänzelt dazwischen mit Eleganz und Lebensart und konterkariert das biedermannsche Lebensgefühl.

In den gelangweilten, genervten, verängstigten Reaktionen von Dienstmädchen Anna (Mira Huber) wird der ganze Irrwitz der Situation deutlich. Ehefrau Babette (Katja Thiele), die geschockt in ihrer mittelständischen Mittelmäßigkeit verharrt, sieht hingegen die Katastrophe kommen ...

Und die Katastrophe? Sie kommt zum Brachial-Rock von Rammstein („Feuer frei“), lässt von Seldwyla nichts übrig außer Herrn Biedermann. Der hat nichts gelernt, denn es ist ja ein Lehrstück ohne Lehre (zumindest für ihn). Das Publikum hingegen hat Diskussionsstoff zu zahllosen essenziellen Fragen.