760_0900_100240_Humboldt_Ausstellung_02.jpg
Hochkarätige Referenten: Jasmin Mahadevan und Oliver Lubrich näherten sich in ihren Vorträgen im gut besuchten Reuchlinhaus dem Universalgelehrten Alexander von Humboldt.  Foto: Moritz 
760_0900_100239_Humboldt_Ausstellung_03.jpg
Hochkarätige Referenten: Jasmin Mahadevan und Oliver Lubrich (rechts vorne) näherten sich in ihren Vorträgen im gut besuchten Reuchlinhaus dem Universalgelehrten Alexander von Humboldt.  Foto: Moritz 

„Vorhut des Kapitalismus“: Vortragsabend zum Thema „Kolonialismus“ im Schmuckmuseum

Pforzheim. Das als „Kolonialismus“ bezeichnete historisch-politische Phänomen ist in Forschung und Wissenschaft, aber auch im Lebensalltag nach wie vor wirkungsmächtig. In Vorträgen, die im Rahmen der aktuellen Ausstellung „Offene Horizonte – Schätze zu Humboldts Reisewegen“ im Pforzheimer Schmuckmuseum gehalten wurden, kamen am Dienstagabend zwei interessante Aspekte zur Sprache.

Der an der Universität Bern lehrende Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich, der sich als Herausgeber von Humboldts Reiseberichten einen Namen gemacht hat, beschäftigte sich vor dem Hintergrund von Alexander von Humboldts fünfjähriger Forschungsreise durch Teile Mittel- und Südamerikas (von 1799 bis 1804) mit dessen zwiespältigen Reaktionen auf Erlebnisse in den spanischen Kolonien. Er bezeichnete den Naturforscher, Zeichner und Kosmopoliten als „den deutschen Autor, der sich am intensivsten mit dem Kolonialismus auseinandergesetzt hat“. Humboldt lehnte es ab, von nackten und versklavten indigenen Menschen auf Rückentraggestellen über Anden-Pässe gebracht zu werden, und ging lieber zu Fuß. Auch äußerte er sich bestürzt über die Grausamkeiten auf dem Sklavenmarkt von Cumaná (Venezuela) und wurde zu einem entschiedenen Fürsprecher der Abschaffung der Sklaverei. Andererseits verfasste der Universalgelehrte für den regierenden spanischen Vizekönig Gutachten zu den Silbergruben und zur Goldproduktion in Kolumbien und legte so Grundlagen für deren Nutzung durch die Europäer. Er war Gesprächspartner und inspirierender Ratgeber Símon Bolivárs, dem Befreier der amerikanischen Kolonien vom spanischen Joch, und sorgte auf der anderen Seite für die Verfrachtung bedeutender Kultur-Objekte und Schätze aus dem Besitz der lateinamerikanischen Indianerstämme in die europäischen Museen – über deren Restitution heute gestritten wird. Lubrich nannte Humboldts Verhaltensweisen „dialektisch“ in dem Sinne, dass der Gelehrte die Idee der Kolonie mit humanistischem Ethos als unmoralisch empfand, gleichzeitig aber mit seinen Berichten über ausbeutbare Ressourcen als „Vorhut des Kapitalismus“ instrumentalisiert werden konnte. Hans Magnus Enzensberger habe diese Ambivalenz „eine unbekannte Infektion“ genannt.

Über Nachwirkungen des Kolonialismus berichtete Jasmin Mahadevan, Professorin für Internationales und interkulturelles Management an der Hochschule Pforzheim, in ihrer postkolonialen Spurensuche. Angelernte eurozentrische Sichtweisen auf die Welt verhinderten alternative Gegenbilder, die aber versucht werden müssen. So sei bis heute das geographische Denken von der Mercator-Projektion (benannt nach der Weltkarte Gerhard Mercators aus dem 16. Jahrhundert) beherrscht, was zu Vorstellungsverzerrungen bei den Größenverhältnissen der Kontinente geführt habe: Grönland erscheint hier so groß wie das in der Realität 14-mal größere Afrika.

„Wir rezipieren Humboldt zum Kolonialismus – wen rezipieren wir nicht?“, fragte Mahadevan in die Zuhörer-Runde – und meinte damit die „blinden Flecken“, die fehlenden Stimmen der im Analphabetismus gehaltenen betroffenen Völker. Prozesse der Adoption, der Anpassung und des „cultural flow“ sollten nachdrücklicher in unser Bewusstsein getragen werden, forderte die Pforzheimer Professorin. Fazit aus beiden Vorträgen: Gesinnungen ändern sich durch Studium der Fakten in der Begegnung mit fremden Kulturen, Menschen und Ländern.