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Nicht nur bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel beeindruckt das Bauhausensemble in Dessau-Roßlau.  Fotos: Schmidt/Formost 
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W. Kandinsky 
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Ein Kinderzimmerteppich (1929) der Bauhaus-Künstlerin Otti Berger ist in der Ausstellung „Bauhaus. Textil und Grafik“ in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen. 
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Walter Gropius 
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Oskar Schlemmer 
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Johannes Itten 
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Vortrag im PZ-Forum zu 100 Jahren Bauhaus - Versuchslabor für eine humanere Gesellschaft

Pforzheim. Soviel Bauhaus war noch nie“, sagt Claudia Baumbusch im voll besetzten PZ-Forum: Denn der 100. Geburtstag dieser visionären Design- und Kunstschmiede wird kräftig gefeiert. Unter anderem mit drei neuen Museen in den Bauhaus-Städten Weimar, Dessau und Berlin – mit 52 Millionen Euro vom Bund gefördert.

Allein die Zahl der Ausstellungen ist kaum überschaubar. Sie reicht von der Schau „Bau[Spiel]Haus“ im Neuen Museum Nürnberg, kuratiert von den an der Pforzheimer Hochschule lehrenden Professor Thomas Hensel und Robert Eikmeyer, bis zu gerade eröffneten Wagenfeld-Ausstellung in Bremen (siehe Kasten).

Und dass das Bauhaus viel mehr als nur Architektur zu bieten hatte, macht die Kunsthistorikerin in ihrem Vortrag deutlich: „Dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius geht es um die Vision einer egalitären Gesellschaft, die demokratisch im Kollektiv neue Lösungen entwickelt.“ Ein kühnes Vorhaben, in einer Zeit, in der die Menschen gerade den Ersten Weltkrieg hinter sich haben.

Die neue Kunsthochschule in Thüringen soll Handwerk, Architektur, Kunst und Leben verbinden – quasi als Versuchslabor für eine neue, humanere Gestaltung der Gesellschaft. Lehrer wie Lyonel Feininger, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer und László Moholy-Nagy machen sie zum Treffpunkt der Avantgarde. 1923 entsteht der Slogan „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ in der Erwartung, dass die Gestalter in die Gesellschaft hineinwirken und zur Verbesserung der Alltagswelt beitragen.

Aber hat die Gruppe wirklich Design für den Alltag von vielen gemacht? Claudia Baumbusch verneint das klar. Zwar hätten die Bauhäusler in Kooperation mit der Industrie seriell gearbeitet, aber „Möbel wie die Marcel-Breuer-Stahlrohrsessel oder die Wagenfeld-Teekanne waren für den Normalbürger nicht erschwinglich.“ Und dennoch haben sie sich durchgesetzt, sind „im gehobenen

Möbelhandel“ heute noch erhältlich. Auch die Architekten denken damals Wohnen neu, etwa mit dem Weimarer Musterhaus Am Horn – „ein kleines unscheinbares Häuschen mit genialem Grundriss und reduzierter, flexibler Ausstattung.“ Die im krassen Gegensatz steht zur weit verbreiteten Plüschigkeit des Historismus. Und wie viele der Bauhaus-Ideen u wirkt gerade die Architektur bis in die Gegenwart. Allerdings: Nur weil ein Haus ein Flachdach hat, ist es noch lange nicht Bauhaus. Wie gelungen moderne Architektur allerdings auf die Ideen der 1920er- und 1930er-Jahre rekurrieren kann, zeigt Baumbusch an einer Fotografie mit formschönen Häusern in Pforzheims „Tiergarten“.

Obwohl das Bauhaus im Laufe der Jahre mehrmals unter politischem Druck umzieht – von Weimar nach Dessau nach Berlin – und sich im Juli 1933 unter immer stärker werdendem Druck der Nazis auflöst, ist die kurze Zeitspanne von 14 Jahren international prägend. Heute findet man Bauhaus in Chicago oder in der „Weißen Stadt“ von Tel Aviv. Auch weil die als „entartet“ gebrandmarkten Künstler in Scharen emigrierten. „Aber ihre Form der Lehre, mit Meistern und Schülern, die Art, Kreativität spielerisch zu fördern, wird nicht nur an Hochschulen wie in Pforzheim, sondern auch bei Konzernen wie Amazon und Google weitergeführt.“

Sandra Pfäfflin

Sandra Pfäfflin