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01.05.2008

Wagemut und Weitblick

PFORZHEIM. „Als die ganze Welt im Hotel Ruf saß“ stand die Pforzheimer Schmuckindustrie im Zenit: „Möglichst schnell, möglichst viel, möglichst günstig und möglichst vielfältig“, schildert Schmuckmuseumsleiterin Cornelie Holzach, wurde damals produziert.

„Innovativ und mit dem Blick in die Zukunft gerichtet“, fügt Kulturamtsleiterin Isabel Greschat an. Mit welchem Erfindungsreichtum, mit welcher Konsequenz und welchem Willen die Pforzheimer ihre Schmuckindustrie zur weltweit führenden ausbauten, das lässt sich ab morgen in einer ebenso informativen, wie anschaulichen Ausstellung im Pfarrhaus im Stadtmuseum Brötzingen ablesen. Doch Kuratorin Katja Abelein geht es dabei nicht um einen verklärenden Blick zurück, sondern sie schildert in der vor ihr zusammengetragenen Schau, wie stark sich das kreative und innovative Potential auch heute noch in der Goldstadt auswirkt. Denn, so die Kunsthistorikerin, „Kernkompetenzen in Metallver- und bearbeitung, Maschinenbau und Feinmechanik sind die Grundlage für die Entwicklung und Ansiedlung neuer Industriebereiche in Pforzheim“. Zukunftsgerichtetes Denken und Handeln, das beginnt in Pforzheim bereits mit der Gründung der Schmuckindustrie im Jahr 1767, denn gerade mal ein Jahr später wird die erste Zeichenschule ins Leben gerufen, um „die Branche zu einem Grad ausreichender Vollkommenheit zu führen“, so die Gründer der Einrichtung, die den Grundstein legte für die heutige Goldschmiedeschule, die Hochschule und das dort beheimatet Schmucktechnologische Institut (siehe „ Zum Thema“). Wegweisend auch der frühe Einsatz von Elektrizität, betreiben doch im Jahr 1906 bereits über 500 Pforzheimer Bijouteriebetriebe elektrische Motoren, was Pforzheim im Stromverbrauch gleich hinter Berlin ansiedelte. Die Aufgeschlossenheit gegenüber Neuerungen und das Talent zum Tüfteln, das schlug sich in Pforzheim in zahlreichen Patenten und Entwicklungen nieder, die es den Fabrikanten ermöglichten, enorm schnell auf neue Anforderungen des Marktes zu reagieren. Bestes Beispiel dafür: Die schwere Wirtschaftskrise der 1870er Jahre erforderte neue Absatzstrategien. Nicht mehr teuerer Goldschmuck, sondern günstiges Doublé wurde nachgefragt und führte zu einer raschen Verbreitung der notwendigen Maschinen. Oder: Die maschinelle Kettenfertigung. Um 1872 reichte Heinrich Witzenmann das Patent für die vermutlich erste deutsche Schmuckkettenmaschine ein. Und dank der Verarbeitungstechnik des Pressens ließen sich Muster beliebig oft produzieren. „Rationalisierung und Effektivität waren die Erfolgsgaranten“, sagt Cornelie Holzach. Und die Weltaufgeschlossenheit der Pforzheimer , die die Ausstellung mit humorvollen Exponaten dokumentiert. Anhand vor vier Firmengeschichten zeigt die Schau schließlich exemplarisch auf, dass die Erfolgsgeschichte der Traditionsindustrie noch lange nicht zu Ende geschrieben ist.