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Spannende Verbindung: Urbane Tänzer aus mehreren Städten in Baden-Württemberg und die Pforzheimer Theater-Compagnie zeigen spontan entstehende Szenen.  Foto: Meyer 

Waghalsige und virtuose Performer: Urban Theater Lab begeistert als tänzerisches Experiment

Pforzheim. Auf der Open-Air-Bühne am Pforzheimer Theater ist hinten eine Stuhlreihe aufgestellt. Dort sitzen bunt gemischt 24 Tänzer und Tänzerinnen in legere, teilweise malerische Outfits gekleidet, mit Rasta-Lockenzöpfen oder brummigen Bärten. Aus den Lautsprecherboxen tönt mal leise zärtliche, mal dröhnend laute Musik, manchmal auch nur eine Geräuschkulisse. Von den Klängen inspiriert und getragen lösen sich einzelne Protagonisten aus der Stuhlreihe heraus, tanzen solistisch, zu zweit oder als Gruppe ins Zentrum, aber auch an die Ränder und Rampe der Bühne – und sind plötzlich waghalsig-virtuose Performer.

Das Projekt firmiert unter dem Titel „Urban Theater Pforzheim Lab“, hat urbane Tänzer aus mehreren Städten in Baden-Württemberg und das Pforzheimer Theater-Ballett zu einer Multikulti-Tanztruppe zusammengeführt und ist – wie der Pforzheimer Probeleiter Daniel Gmür und für die Urbantänzer Ziyo Aktas betonen, ein Experiment. Eine gleichsam im Labor durchgeführte künstlerische Forschungsarbeit, die Ballett, zeitgenössischen Tanz und Urban Dance miteinander konfrontieren oder verbinden soll. Nichts ist einstudiert, aber „scores“, also Tanz-Partituren sind vorgegeben.

So entsteht eine nuancenreiche Vielfalt wunderschöner, aber auch abenteuerlicher, akrobatisch-zirkusreifer Tanzminiaturen, die vom zahlreich erschienenen Pforzheimer Open-Air-Publikum mit Interesse, manches auch mit Begeisterung aufgenommen und mit reichlich Applaus bedacht wird. Zuweilen braucht es einige Augenblicke, bis die gegenseitige Motivation der Akteure anläuft, dann aber überbieten sie sich mit sprühenden Bewegungs-Einfällen.

Urban Dance Lab Stadttheater
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Urban Dance Lab führt Multikulti-Tanztruppe zusammen

Bisweilen sind die Tänzer von sich selbst überrascht. Die noch auf den Stühlen sitzen, geraten ins Staunen. Fröhlich winden und verschrauben sich einige zu französischen Musette-Tänzen oder kreiseln zu Hip-Hop im Breakdance-Modus rücklings auf dem Boden. Andere hüpfeln und schlängeln verquer und etwas traurig zu portugiesischen Fado-Klängen. Es gibt Zitter-Orgien und ruckelig-eckige Tanzeinlagen. Einmal tändelt ein Mädchen haltlos und wild im Drogenrausch und torkelt in die Arme eines Jungen, der sie wie ein liebes Bärchen weich und sanft aufnimmt. Man schüttelt und rüttelt sich. Ansatzweise werden auch märchenhaft-balletteuse Tanzfragmente gezeigt. Ein Tänzer hat sich als Requisit einen Spazierstock auserwählt, den er wie einen Tanzpartner behandelt und damit zu einem Grönemeyer-Song allerhand irrwitzige Drehwürmer vollführt. Bodengymnastik, Rücklage-Schrägen und hochgepresste Körperbrücken, Spreizungen zu skurrilen Figurationen oder irres Grimassieren – alles ist dabei.

Natürlich ist diese Beschreibung laienhaft. Die Urban-Tänzer sprechen von Streetdance, ein Begriff, der als Synonym für „überall“ verwendet wird, und jugendliche, afro-lateinamerikanische Tanzstile wie Popping, Locking und B-Boying umfasst.

An vielen Theater nist eine heftige Diskussion über neue Zielgruppen entbrannt, die man als Besucher gewinnen möchte. Produktionen wie das anderthalbstündige Pforzheimer Urban Theater Lab könnten dabei hilfreich sein.